Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 14 (25.4.1919)
- Article
- Die Krise der Wiener Judenschaft
- Date
- 1919-04-25
- Page
- Seite 283 (sequence 3)
- Language
- German
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231 werden infolge des politischen Umsturzes höchstens zu geschäftlichen Besuchen in Wien erscheinen, werden aber ihre Ansiedlung dort nicht Stichen. Diese Provinzkinder haben aber früher einen frischen Lebenszug: und vor allem jüdischen Sinn und jüdisches Wissen in die entnervte und in ihrem Judentum erkaltete grossstädtische Bevölkerung gebracht, einen Zuwachs an Kraft und Energie, den der kranke Organismus gierig aufgesogen hatte. Namentlich gilt dies auch von den Zuzüglern aus' den polnischen und russischen Orten, die, bei allem Merkwürdigen, das ihr äusserer Habitus bot, und obzwar ihre geschäftliche Tätigkeit zu vielen Klagen Antass gab, dennoch einen Segen für die Gemeinde Wien bedeuteten, da sie mit ganzem Herzen an ihrer Religion hingen und ein unvergleichlich besseres Wissen vom Judentum ihr Eigen mannten. Diese Zuzügler füllten Tempel und Lehrhallen, schufen Vereine und Institute, begründeten Druckereien und literarische Unternehmungen, und wenn sie nicht selbst arbeiteten, musste von anderer Seite für sie gearbeitet werden, und das Resultat war, dass Leben in die Gemeinde zog und jüdischer Sinn geweckt wurde. Der Ausfall ist nun von zwiefacher Art: ein moralischer und ein physischer. Er wird sich in nächster Zeit jedenfalls stark bemerkbar machen. Muss darum die Krise zu einer Schwächung des Wiener Judentums führen? Das wäre jammerschade, denn dieses Wiener Judentum ist an und1 für sich ein schätzenswerter Teil des Gesamtjudentums, ist aber auch dringend nötig, um den im Staate Deutschösterreich noch sonst übrig gebliebenen Splittern des Judentums, (die wahrlich recht klein und schwach sind1, einen natürlichen Hort und Beschützer abzugeben. Wir denken uns die Ueberwindung der Krise so, dass die Wiener Judenschaft dennoch den Kontakt und das Zusammenwirken" jmit den Juden der übrigen Staaten der ehemaligen Monarchie suchen und finden wird, mindestens in dem Masse, wie sie, allerdings vor dem Kriege, auch mit der Judenschaft des wirklichen Auslandes einigermassen verbunden war, verbunden, wenigstens in grossen Fragen und in solchen, die das ganze Judentum berührten. Gerade der Wiener judenschaft jkajnn Idas Zeugnis ausgestellt werden, dass sie neben den lokalen Aufgaben des Judentums auch die allgemeinen und universellen Interessen des Gesamt Judentums nach Kräften wahrnahm und sie wacker vertrat. In diesem 'Belange braucht keine merkliche Veränderung einzutreten, und dass sie notgedrungen eintreten W/erd|e, kann zw,ar befürchtet, aber nicht als unvermeidlich bezeichnet werden. Zudem winkt uns der enge politische Zusammenschluss mit dem grossen Deutschen Reiche; den Verlustposten stehen dadurch iauch manche Gewinnposten gegenüber. Der Anschluss an Deutschland wird wohl der Wiener Gemeinde einen endgültigen Charakter aufdrücken. Es scheint uns unzweifelhaft, dass diese Gemeinde berufen ist, mit dem Westen zu gehen und sich dessen Errungenschaften — twir mjeinen solche, die auf das Wohl des Judentums abzielen — sich fzu Nutzen zu machen. Denn gegenwärtig s'cheint es fast, als ob unsere Wiener Gemeinde hin und her geschüttelt würde in dem Siebe des Läuterungsprozesses zwischen dem Westen und Osten. Unsere Gemeinde besteht nämlich zurzeit aus sehr heterogenen Elementen, und es wiegt zumal, der Mehrheit der „westlichen" Juden zum Trotze, das* „östliche" Element der polnischen Juden vor, denen es sogar gelingen wilF, unsere schöne Ge-