Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 14 (25.4.1919)
- Article
- Die Krise der Wiener Judenschaft
- Date
- 1919-04-25
- Page
- Seite 282 (sequence 2)
- Language
- German
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280 Lehranstalten war Wien nicht arm, wenn auch gesagt werden mtiss, dass die Gemeinde für den Aufschwung der modernen jüdischen Wissenschaft nicht alles tat, was in ihren Kräften lag und was von einer jüdischen Gemeinschaft ihrer Bedeutung mit Fug hätte erwartet werden können. Die Aufklärung und der verfeinerte Stil, die von Wiens hebräischen Druckereien und periodischen Schriften ausgingen, kommen mit in Betracht, wenn auch die Gemeinde als soldie nicht ihre Urheberin war. Aber seit ungefähr einem Mensdienalter schreitet Wien nicht auf der Sahn des Fortschrittes, sondern ist merkwürdig stabil geblieben. Soll die Gemeinde Verfassung oder die nicht ganz glückliche Wahl ihrer Vorsteher daran schuld isein?. W^e alles in Oesterreich so merklich rückständig war, so auch die im Jahre 1890 von Regierungswegen den jüdischen Gemeinden aufgefangene"Verfassung, die alle Macht in die Hand der paar Vorsteher legte tmd weite Schichten der Getreuen von jeder Betdilgung in Gemeindesaehen alusschloss. Einige ältiere Herren, die in den Vorstand gewählt wurden, weil man bei ihnen, gerade infolge ihres Alters, mehr Sinn für das Judentum voraussetzte als bei den jüngeren Gemeindegenossen, Hessen sich die fast ununrnschränkte Gewalt ganz gut gefallen, wirkten auch, in ihrer Weisen festigend und .erhaltend, nicht aber fördernd. Auch ihnen muss. zugerufen werden: Wehe, wer den Zug der Zeit nicht versteht! Das Schidcsäl hat es gefügt, dass der hochbetagte, langjährige Präsident unserer Kulturgemeinde vor kurzem 'mit dem- Tode abgegangen ist, desgleichen sind auch andere Männer gestorben, die zum alten Regime gehörten, so dasis es für jüngere und andersgesinnte Kräfte freistünde, die Bßhn «der Führung der Gemeinde zu betreten, wenn sie nur hierfür ein — Mandat bekämen. Aber an diesem Punkt beginnt die Schwierigkeit. Es wandeln ganz Wenig M;ärmer in unserer Mitte herum, die als die prädestinierten, berufenen Führer der Gemeinde bezeichnet werden könnten, die also alle Stimmen der Wähler, oder auch nur eines beträchtlichen Teiles* derselben, auf sich vereinigen würden. Denn der Boden Wiens ist unterwühlt von Parteibestrebungen, und fast scheint es, dass in diesem Boden die Furchen gesogen werden sucht zur segensreichen Aussaat, sondern um Gestrüpp und Fäulnis an die Oberfläche zu brin'gen. Das Wiener Judentum, so imponierend durch seine kompakte Masse, bietet gegenwärtig das klägliche Schauspiel innerer 'Zerrüttung dar. Wir durchleben liier in Wien eine schwere Krise. Diese Krise ist nur zum Teil von äusseren Ereignissen bedingt; zu einem wesentlichen Teile ist sie innerer Art. Doch ist es wahr, dass die mehr ins Auge fallenden] Momente der Krise äusserlicher Natur sind. Durch den gewaltigen Umsturz aller bestehenden Verhältnisse musS sich die Gemeinde Wien auf einen jähen Rückgang gefasst machen. Ihr wird von da an fehlen der Zusammenhang, der ihr sehr zugute kam und der ihr, der Gemeinde der Haupt- und Residenzstadt, nicht nur einen zahlreichen Zustrom von allen Seiten sicherte, sondern auch eine gewisse Präponderanz vor den übrigen Gemeinden verschaffte. Man wfalie aber den Wert jenes^ Zustroms, von dem wir sprechen, ja nicht verkennen. Die jüdischen Volksgenossen, die bis jetzt aus Ungarn, aus Böhmen und aus Galizien nach Wien gravitierten,