Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 13 (10.4.1919)
- Article
- Der erste Sederabend
- Date
- 1919-04-10
- Page
- Seite 278 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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276 Er kennt sich ja in den „kleinen Buchstaben" schlecht aus. . Wie soll er den Sedcrabehd begehen? Einen armen Bursdhen einzuladen, hat er keine Lust. Er will allein der Herr im Hause sein, allein auf dem Sederbett sitzen und mit seiner Frau die Scderschüssel heben. Er kann nicht leiden, wenn ihm ein Fremder Inden Teller blickt. Was soll er aber mit dem Seder machen? Er ist schon im Begriff, ins Bejss-Hamidrosch zu gehen, um einen arnien Burschen zu laden, aber er "bringt es nicht übers Herz» 'Komm«, was kommen mag. Es wird schon irgendwie gehen. Es ist der erste Sederabend. Ein kleines weissgetünehtes Stübchen. Die vier Wände sehen so aus, als ob sie sich friedlich zusammengetan hätten, um das kleine Stübchen zu schützen. In der Mitte der Stube steht ein kleiner, weiss gedeckter Tisch, auf dem 'zwei blank geputzte Messingleuchter funkeln, die sie von jemand aSs iHochzeitsgeschenk bekommen haben, da liegen auch drei iMazzes, mit einer sauberen Serviette zugedeckt, und auf ihnen steht ein Tellerchen mit den „allerlei Kräutern": Motje thront in seinem neuen Rock und einem weissen Kittel auf dem Sederbett. Sein volles Gesicht sieht vornehmer und feiner ate sonst aus. Seine Frau Jente sitzt an seiner Seite; .sie ist ein hübsches junges Weibchen mit roten Backen; einige schwarze Flechten schauen unter dem weissen Häubchen hervor, das sie noch hübscher erscheinen lässt. Sie beide sitzen ängstlich da und fühlen, dass sie an ein Werk gehen, das sie gar nicht bewältigen können. vAn den Fenstern hängen neue weisse Vorhänge, an denen zwei rote Papierblumen festgesteckt sind;4 an den Wänden glänzen einige blankgeputzte Blechleuchter, gleichfalls mit Papierblumen geschmückt. Der Schrank steht .so da und 'sieht sie so an, wie wenn er da heimisch wäre und imit den .Menschen fühlte und lebte. Die neuen, reingewischten Gläser auf der Kommode glänzen im Lichte der Kerzen, die in den mit PapierMumen geschmückten Wandleuchtern brennen. Sie sehen so feiertäglich aus. Auf allen Dingen ruht der Hauch des Festes. Motje hat. einen gefüllten Weinbecher vor sich und die neue Hagode m der Hand. ' Bald wirft er einen Blick in die Hagode und bald auf Jente, wie wenn er sie fragen wollte, was man tun soll, wie man anfängt und womit man aufhört. Motje weiss, er kann sich daran noch gut erinnern, dass man den Wein austrinken muss; aber er schämt sich, es zu tun; er kann es nicht. . „Motje, mach Kiddusch I" sagt ihm Jente erschrocken und erbleicht, weil sie, eine einfache Frau, sich in so erhabene Dinge einmischt. i 'Motje hat seinen Blick in die Hagode versenkt, murmelt etwas mit den Lippen, führt den Becher an den Mund und wirft dabei auf Jente einen Bilde, als wollte er sie fragen, ob es so richtig sei. * Er trinkt den Becher aus und gibt davon auch Jente.