Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 13 (10.4.1919)
- Article
- Der erste Sederabend
- Date
- 1919-04-10
- Page
- Seite 277 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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275 sie wirklich freundlich, und gegen ihn nur aus Furcht; auch dem Hund wirft man einen Knochen vor, damit er nicht bellt So erklärte er es sich. Wer weiss, ob Motje je geheiratet hätte, -wenn nicht folgende Geschichte passiert wäre, Jente-Feige, der Krämerin Tochter, war mit einem Schustergeseilen * verlobt. Aber der Bräutigam brannte zwei Tage vor der Hochzeit anit den sechzig Rubeln Mitgift und den goldnen Ohrringen der Braut durch. Alles war schon für die Hochzeit vorbereitet, und da passiert so ein Unglück. Lejserke, der Scltadchen, nahm die Sache in die Hand, und Motje war in zwei Tagen Bräutigam und stand unter der Chuppe. Und als er abends nach der Trauung am Ehrenplatz bei der Tafel, mit einem schönen Kaftan bekleidet, sass, blickte er um sich und lachte in sich hinein: „"Wie komme ich her? Bin ich wirklich der Motje, oder bin ich jemand anders." So heiratete Motje. Nach der Hochzeit war er wie verwandelt, als ob man ihn in die Hand genommen und gänzlich umgearbeitet hätte. Motje sitzt den ganzen Sabbat zu Hause und spricht Gebete. An Werktagen arbeitet er mit mehr Fleiss und mehr Lust. Wenn der Abend anbricht, beginnt er sich nach Hause zu sehnen und schlägt auf die Pferde ein, damit sie schneller laufen. Wenn er am Freitagabend vor dem weiss gedeckten Tische sitzt, sieht er sich in der Stube um, ob nicht jemand wichtigerer als er dabei sei; er kann gar nicht verstehen, dass alles ihm gehört, dass er als der Herr des Hauses vor dem weiss gedeckten Tische sitzt; er glaubt, dass er da ein Fremder sei, und fürchtet, sich zu rühren. Motje «hat sich jeden Unsinn aus dem Kopfe geschlagen, verkehrt nicht mehr mit den Burschen und kümmert sich nicht um ihre Dummheiten. Und wenn er jemand von den herangewachsenen Burschen sieht, lächelt er, als ob er sagen wollte: „Der will auch ein Bursche sein!" * Es ist der Vorabend von Pessaah, das erste Pessachfest, das Motje als Familienvater begeht. Motje hat bereits Märzes angeschafft, und sie liegen in einem Korbe auf dem Dachboden; sechs Stück „Schmure"-Mazze sind für die beiden Sederabende extra vorbereitet. Das Fässchen Rübensuppe steht sqhon, mit einer sauberen Schürze zugedeckt, vor dem Herde, das „Sederbett" ist vor dem Tisohe aufgerichtet, und seine Frau hat Charejsses gemacht. Alles ist fertig. Der Schneider hat schon den Rock abgeliefert, den Motje sich zu Pessadr machen Hess; seiner Frau kaufte er ein Paar neue Schuhe und einen neuen Scheitel; ein Kleid hat sie noch von der Hochzeit. Motje Hess sich das Haar schneiden, war im Bade, kaufte sich eine neue Mütze und eine neue Hagode, so wie es einem wirklichen Familienvater geziemt. Nur eines machte ihm Sorge, und er weiss gar nicht, wie er sich helfen soll. Früher kannte er diese Sorge nicht. Er will gar nicht daran denken.