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Neue jüdische Monatshefte · 1919-04-10 · Heft 13 (10.4.1919) · p. Seite 276

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 13 (10.4.1919)
Article
Der erste Sederabend
Date
1919-04-10
Page
Seite 276 (sequence 2)
Language
German
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274 gläsernen Pferdeaugen; und-es ist ihm, als ob das Pferd ihn verstünde, mit ihm Mitleid hatte und ihm sagen wollte: .„Schade um dich, Motje, bist ein guter Bursche." Auch Motje versteht gut seine Pferde. Wenn er sie nur anblickt, weiss er sofort, was ihnen fehlt. „Ach so.! Meine Kinder haben schon Hungcrl Na, na, etwas wird sich dagegen schon machen lassen." Niemand weiss> wie alt Motje ist; auch er selbst weiss es nicht. Er hat noch nie darüber nachgedacht, und alle, die ihn kennen, glauben, "dass Motje immer so alt gewesen sei wie jetzt, und dass er immer dieses blatternarbige, sonnenverbrannte Gesicht, das an Leder erinnert, gehabt habe. Sein Gesicht und seine Hände sind von der gleichen Farbe. Er tragt Sommer wie Winter denselben Kutscherrock von unbestimmter Farbe. Aber.um seine Stiefel kümmert er sich sehr: die Schäfte müssen unbedingt bis hoch über die Knie reichen und die Absätze müssen mit Eisen beschlagen «sein, dass sie auf dem Pflaster klirren. Alle haben vor Motje Angst; selbst der Schulvorsteher und die übrigen geistlichen Amtspersonen. Menn Motje vor der Schule steht und <Sen Vorsteher sieht, blinzelt er mit den Augen und macht „Pst", als wollte er sagen: „Schaut mir nur diesen da an, tut mir den Gefallen 1" Alle "-'jungen Leute und Mädchen,- die es im Städtchen gibt, müssen 'Motje eine' bestimmte monatliche Abgabe zahlen; lehnt sich jemand dagegen auf, so "zeigt Motje nur auf seinen Soldatengürtel mit der bleiernen Schnalle. Haben zwei Burschen einen Kampf auszufechten, so kommen sie fcum {Motje, und Motje schlichtet den Streit. Man macht ein Vcrsöhnungssnah!, und alles "Wird wieder gut. Motje setzt alles mit einem Pfiff durch. Am Sabbat nach dem Essen geht Motje in den Strassen des Städtchens spazieren. Er mustert alle Dinge, die Häuser und die Geschäfte mit stolzen Blicken, als ob er sagen wollte: „Alles ist mein. Ich habe olles verteilt; dem einen ein Haus, dem andern ein Geschäft gegeben und mir selbst den Stall genommen/' Eines macht Motje .Verdruss: die Mädchens. Sie reden zwar alle mit ihm, alle sind freundlich zu ihm, aber er weiss, dass es gemacht und nicht aufrichtig ist. Man fürchtet ihn, und alles kommt von der Furcht; es ist sonst nichts. An einem Sabbat nach dem Essen, als das ganze Städtchen schlief ■ wie in einer Sabbatnadit, versammelten sich alle Mädchen und Schneiderjungen im Hause S'sore-Bejles, der Obstliandlerin, und machten ein Tänzchen. Natürlich war Motje die Hauptperson: wenn er nicht wäre, hätte der Schukiiener den Spass nicht zugelassen. Ohne ihn wäre das ganze überhaupt nicht denkbar. Doch mitten im Tanze hatte Motje einen sonderbaren Einfall; er Jagte älle Burschen und Mädel hinaus; er jagte sie hinaus und fiess sie dicht iweitertartzen. Dovid'ke den Gamaschenmacher prügelte er aber halbtot. Niemand weiss warum. Hat er doch genau so getanzt wie die anderen. . Er hatte sich aber in der Gesellschaft ab ein Fremder gefühlt. Er Sst allen fremd; die Mädchen lächeln ihm zwar freundlich zu und sind höflich zu ihm, aber doch ganz anders a?s zu Dovid; gegen "DoYid sind

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