Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 13 (10.4.1919)
- Article
- Maximalistischer Zionismus
- Date
- 1919-04-10
- Page
- Seite 263 (sequence 7)
- Language
- German
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26! erfüllen sollten, so wird der Neuaufbau der Kultur ja doch erst mit dem Erstarken der individualistischer? Reaktion, die unausbleiblich ist, einsetzen können. Was aber vor allem die Zionisten interessieren sollte — allen diesen Maximalisten sind ihre sozialen Theorien viel wichtiger als das nationale Ideal, auch wenn sie noch so eindringlich das Gegenteil versichern. Denn wäre es anders, so -würde ihr Maximalismus sich auf das Nationale erstrecken. Was jedem ohne weiteres klar ist, der nur etwas über die Psychologie der Parteibildung nachgedacht hat. Es gibt indessen auch maximalistische Zionisten dieser nationalen Art in Deutschland. Sie sind dem deutschen Zionismus von einer anderen Seite her gefährlich, indem sie zwar nicht seiner Geltung unter «den zionistischen Organisationen der grossen Judenländer, wohl aber seiner Ausbreitung in Deutschland arg im Wege stehe». Immerhin sind sie praktisch weit harmloser als die sozialen Maximalisten und für jeden deutschen Juden sind ihre Theorien noch leichter widerlegbar, weil hier die eigene Erfahrung eines jeden die Argumente an die Hand gibt. Dieser national-jüdische Maximalismus, der in seinen Forderungen mit dem extremsten deutschen Antisemitismus (sofern er politisch und nicht auf Pöbelinstinkte basiert ist) einig geht, hat ja auch 'dazu geführt, dasjs jüdische Gegner des Zionismus sich berechtigt glaubten, diesen als „judischen Antisemitismus" abzutun. So leichtfertig diese Beschuldigung ist, wenn sie gegen den Zionismus erhoben wird, so wenig kann man [sie zurückweisen, wenn sie gegen Leute erhoben wird, die unbekümmert um alle Tatsachen die Behauptung aufstellen, die deutschen Juden seien nichts als Juden und hätten mit Deutschland und den Deutschen nichts mehr gemein als der Hotelgast mit seinem „Wirt", bei dem er einige Jahre gewohnt hat. Deutsche Politik, so heisst es in der Lesart dieser Maximalisten, gehe die Juden überhaupt nichts an, und wenn ein antisemitisches Blatt sich über einen deutsch-jüdischen Dichter lustig macht, so findet es nirgends begeistertere Zustimmung als bei diesen sogenannten Zionisten. Ihnen ist das jüdische Problem so einfach wie eben dem Maximalisten stets das seinige ist, d. h. es ist für ihn kein Problem, denn er ist ja ein Lufttheoretiker. Was kümmern ihn die Tatsachen, z. B. in unserem Falle der Assimilation, was geht es ihn an, dass viele Jahrhunderte deutscher Vergangenheit an einem grossen Teil der deutschen Juden gemodelt haben, ja dass gerade die Verbindung zwischen Deutschen und Juden so eng ist wie die nur weniger anderer Völker mit den Juden gewesen ist. Gewiss weiss ich alles, was man dagegen sagen kann, z. B. dass diese „Verbindung" mehr eine gegenseitige Reibung war, aber dennoch : wirken nicht selbst zwei Mühlsteine aufeinander ein? Und schliesslich ist das doch nur ein sehr mangelhafter Vergleich. Vor allem aber gäbe es ja gar nicht die vielberufene jüdische Tragik, wenn sich alle deutsch-jüdischen Probleme mit der Wirtstheorie restlos lösen Hessen. Statt diese spezifische Tragödie der deutschen Juden den Juders anderer Länder verständlich zu machen, stellen sie diese neujüdischen Idealisten einfach als leeren Schemen hin nach der Schülerregel: Was man nicht definieren kann, sieht man als nicht vorhanden an.