Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 13 (10.4.1919)
- Article
- Maximalistischer Zionismus
- Date
- 1919-04-10
- Page
- Seite 262 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2908689-2908735-2908743-2911738--2367-2911754- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
260 oder sogar kranken Ideen aus dem Moskauer Tollhaus dulden oder gar zu fördern scheinen. Gewiss ist die Leitung der deutschen zionistischen Organisation in ihrer überwiegenden Mehrheit noch weit davon entfernt, diese Gefahren •ernst.zu nehmen oder gar, die bolschewistischen Anwandlungen einzelner zu billigen. Aber die Gefahr alles Maxirnalismus liegt in der Ueberrumpe« •lung der lauen Mehrheit durch eine kleine, entschlossene Minderheit, und bei der heutigen Stimmung der jüdischen Jugend, gerade auch der zionistischen akademischen Jugend Deutschlands, kann niemand sagen, wie Sange die Leitung noch die tatsächliche Macht haben wird, die sie durch allerlei kleine Konzessionen bereits zu verzetteln beginnt. Nur um das Wohlwollen gewisser ostjüdischer Vereine in einzelnen Grossstädten zu gewännen,, darf man nicht gleichgültig zusehen, wie eine geistige Verwirrung in die eigenen Reihen getragen wird, die nur Unheil anrichten kann. Selbstverständlich wirkt alles Maximalistische auf die Jugend besonders stark, und wer nur fordert und fordert, ohne im geringsten von •Zweifeln über die Möglichkeit der Erfüllung geplagt zu sein, kann leicht Massen von Jungen und auch von Alten gewinnen. Das wissen wir, und wenn wir die glühenden Augen unserer jungen Leute zwischen 18 und .25 sehen, denen zum ersten Male ein ostjüdischer Arbeiter oder Student oder Arbeiterstudent seine sozialen und nationalen Ideale vorgetragen hat, so begreifen wir die Begeisterung der Jünglinge und die Schwärmerei der Mädchen, aber wir müssen auch begreifen, dass wir die moralische Pflicht haben, dafür zu sorgen, dass solchem Einfluss von grossenteils hemmungslosen Luftmenschen ein Gegengewicht gegeben .wird, wenn wir nicht schwere Schuld auf uns laden wollen. Denn dass die Ideen, "die heute aus dem bolschewistischen Russland zu uns kommen, grösstenteils von gesunder Vernunft so weit entfernt sind, wie *3as «9.owjetIand von einer „geordneten Unterhaltungsfürsorge", wie So mbart die Wirtschaft definiert, dürfte allen nicht von dieser geistigen Grippe befallenen Leuten — genaueste Selbstprüteg .tut not! — klar sein. Dieses Gegengewicht fehlt zurzeit fast vollständig. Im Gegenteil bemüht man sich in (gewissen deutsch-zionistischen Kreisen um ein „Verstehen", das vom Verzeihen rasch zur Billigung den Uebergang finden wird. Das ist die Gefahr. Eine Gefahr, die um so grösser ist, als «es keinem Zweifel unterliegt, dass die russischen Zionisten in ihrer überwältigenden Mehrheit allen diesen maximalistischen Ideen ebenso fernstehen wie die Völker, die für die Zukunft der Weit trotz aller angekündigten oder etwa noch über uns hereinbrechenden Revolutionen. England und Nordamerika, ebenso wie ein von der Sowjetdiktatur befreites Russland^ werden künftig in ganz anderem Masse als früher den kapitalistischen Geist zügeln müssen. Das weiss man auch dort genau. Aber niemals werden sie imstande und gewillt sein, den Unternehmungsgeist des Einzelnen so auszuschalten, wie das von" den russischen Maximalsten in einer ungeheuerlichen Verkennung aller psychischen ' und sozialen Tendenzen jetzt gefordert und z. T. praktiziert wird. Ja, selbst wenn sich die bolschewistischen Hoffnungen auf die Weltrevolution