Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 13 (10.4.1919)
- Article
- Maximalistischer Zionismus
- Date
- 1919-04-10
- Page
- Seite 261 (sequence 5)
- Language
- German
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259 soll! — in Palästina nicht die Rede sein kann, muss jedem klar sein, der auch nur die Grundbegriffe des Sozialismus erfasst hat. Es handelt sich heute in Palästina um eine landwirtschaftliche Kolonisationsarbeit in den allerersten Anfängen, so wertvoll auch alles bisher Geleistete ist. Industrielle Betätigung kommt auch nach der Meinung des eifrigsten Befürworters dieser Richtung, Davis Trietsch, vorzugsweise als Anhängsei der landwirtschaftlichen. -Kolonisation in Frage, und jedenfalls sind für sie alle, aber auch alle Grundlagen erst noch zu schaffen Der Sozialismus hat aber ein vollendetes und zur höchsten Blüte gebrachtes Industriesystem zur Voraussetzung. Davon kann also gar nicht die Rede sein. Für die Landwirtschaft aber hat nicht einmal der wissenschaftlich zweifellos auf der Höhe stehende deutsche Sozialismus bisher eine brauchbare Theorie zu schaffen verstanden. Im Gegenteil herrscht auf diesem Gebiete heute weniger Klarheit als je. Die Unsicherheit des Sozialismus erschöpft sich nicht einmal etwa in der bekannten Antithese: gemeinschaftliche Bearbeitung der grossen Güter oder Zerschlagung in kleinere Bauerngüter (die weder überall möglich noch unbedingt produktiv für d*e Gesamtheit ist), sondern es gibt auch Anschauungen innerhalb der sozialistischen Kreise, die zwischen den genossenschaftlichen und den Kleinbesitztheorien oder ganz abseits von ihnen liegen. Tatsache ist jedenfalls, dass der Sozialismus seit dem im Jahre 1903 abgebrochenen Versuch Eduard Davids, eine sozialistische Theorie für die Landwirtschaft zu schaffen, nicht imstande gewesen ist, der Agrarfrage auch nur theoretisch Herr zu werden, und dass alles, was darüber seither in den Sozialistischen Monatsheften oder von Kautsky und anderen geschrieben wurde, höchstens Bausteine für eine sozialistische Theorie sind, die immer noch fehlt. Auf dem Gebiete der Landwirtschaft gibt es also eigentlich noch gar keinen Sozialismus, d. h. keine von allen Sozialisten anerkannte Ansicht, weder wissenschaftlich über die Entwicklungstendenzen der Landwirtschaft (über die auch in der nichtsozialistischen Wissenschaft keinerlei Uebereinstjmmung herrscht), noch politisch über die sozialistischen Ziele, die erreicht werden müssen. Eben deshalb konnten sich auch die verschiedenartigsten Leute so, rasch unter der Fahne „Sozialisierung in Palästina" sammeln, weil sich jeder dabei .etwas anderes denken kann. Gäbe die politische Agitations-Taktik aliein den Ausschlag, so täten alle Gegner dieses Schlagwortes, die Sozialisten sind oder dem Sozialismus nahestehen, vielleicht am klügsten, es anzunehmen, im Vertrauen auf die Gesetze der wirtschaftlichen Entwickung, die ja auch durch die Verwüstungen eines noch so langen Krieges nicht erschüttert werden können, und mit der Motivierung, dass der Sozialismus natürlich erst voll einsetzen könne, wenn der Kapitalismus entwickelt sei. Aber die Zeit ist zu ernst für solche Scherze, und es heisst, eine klare Scheidung der Geister vorzunehmen. Denn die gegenwärtige Verwirrung droht den deutschen Zionistem schwere Gefahren an. Sie sind, um es offen heraus zu sagen, von der Gefahr bedroht, ihren Einfluss auf den praktischen Gang der Dinge in Palästina zu verlieren und sich damit als Organisation selbst zur Unfruchtbarkeit zu verurteilen, wenn sie diese raaximalistischen Spielereien mit gänzlich unreifen