Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 13 (10.4.1919)
- Article
- Maximalistischer Zionismus
- Date
- 1919-04-10
- Page
- Seite 260 (sequence 4)
- Language
- German
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258 was sie zu sein behaupteten: Sozialisten und Demokraten. Die Ereignisse haben indessen gezeigt, wie oberflächlich alle diese Ucberzeugungen in ihnen sassen, wie wenig tief sie die sozialistischen und demokratischen Gedankengänge erfasst hatten, und — auch das muss. gesagt werden dürfen — wie viel weniger jüdisch als international sie dachten, und wie viel weniger jüdisch als russisch sie handelten. Die bolschewistische Welle wusch bei vielen, allzu vielen auch den letzten Rest sozialdemokratischer Gesinnung weg und erfüllte sie mit den kommunistisch - anarchistischen Ideen der späteren russischen Sowjetrepublik, die sie in schöner, freilich ebenso unpraktischer wie unhistorischer Unbekümmertheit aus Russland nach Palästina verpflanzen wollen. Audi* diese Welle wird sich verlaufen, und ihre Gefahr wir nur eben durch die Verwüstungen erhöht, die sie in einer Anzahl west- und mitteleuropäischer Gehirne unter der durch den Krieg erzeugten Reizsambest iangcridhtei hat. Teils im mehr oder weniger bewussten Streben bei einer neuen Entwicklung nur ja nicht zu spät zu kommen, teils aus eigener oder allzu intensiv mitgefühlter fremder Verbitterung haben im Laufe des Krieges immer mehr deutsche Zionisten gemeint, dieser neuen Bewegung „Verständnis" entgegenbringen zu müssen. So sieht man heute mit "tiefem Staunen in Deutschland Zionisten für weitgehende sozialistische oder auch für kommunistische Ideen eintreten — und bisweilen für ein seltsames Gemisch ganz verschiedenartiger Forderungen —- denen man das noch vor kurzem nicht zugetraut hätte. Die Unklarheit und der Wirrwar der durcheinandergehenden Gedanken,-die teils aus dem Marxismus stammen, teils in. der Welt des anarchistischen Syndikalismus beheimatet, teils wieder halbvertrocknete Neugewächse des russischen Rätcsystenis sind, wirkt natürlich verheerend auf jede öffentliche Erörterung der Probleme. Es ist eine Art von geistiger Falschmünzerei eingerissen, die eine [Anarchie in der Wissenschaft zur Folge haben müsste, wenn dieser rein politische Streit .-mit Wissenschaft überhaupt etwas zu tun hätte. Leute, die mittelalterliche Gedanken eines Thomas von Aquino vortragen — Dirngie, über die sich durchaus Teden Hesse, wenn sie unniaskiert aufträten und andere, die ihre Wfeistyeit aus Lenins tyid Trotz.kis Schriften unmittelbar und noch öfter mittelbar schöpfen, nennen sich gleicherweise Soziallsten und erfahren nun die freudige Förderung derer, die heute stets auf das Schlagwort Sozialismus hupfen, sowie es nur laut wird, obwohl ihnen vor. kurzem noch die Elementarbegriffe des Sozialismus durchaus fremd oder unsympathisch waren. Alle diese voneinander durchaus verschiedenen Richtungen, die praktisch nicht eine Woche mitsammen arbeiten könnten, sind nun aber dadurch für den Zionismus zu einer gewissen Gefähr .geworden, dass sie sich gemeinsam das Schlagwort von der „Sozialisierung in Palästina" angeeignet haben und es mit der Verve vertreten, die allen maximalistischen Bestrebungen eigen ht9 und die immer dann doppelt und dreifach energisch auftritt, wenn der Gedanke halb oder ganz unklar ist. Dass von einer „Sozialisierung" im Marxischen Sinne — also in . dem Geiste, der heute allein zu Recht als sozialistisch bezeichnet werden darf, wenn nicht eine babylonische Sprachenverwirrung bei uns cinreissen