Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 13 (10.4.1919)
- Article
- Maximalistischer Zionismus
- Date
- 1919-04-10
- Page
- Seite 258 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2908689-2908735-2908743-2911738--2363-2911750- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
256 wir also aus dem politischen Kampf gänzlich ausschalten, weil er den Beginn jenes geistigen Tohuwabohu bringt, das, wie jeder Tag uns lehrt» praktisch überaus verhängnisvoll werden muss. Denn diejenigen Anhänger einer Partei, die ihr Parteiprogramm zur sogenannten Weltanschauung umprägen möchten, haben natürlich das -instinktmässige Bestreben, es möglichst auszufüllen, ihm Thesen de omnibus rebus et quibusdam aliis einzufügen und, was ihm an populärer Werbekraft, wie sie fühlen, dadurch verloren geht, durch intransigente, lungenkräftige und womöglich gewalttätige Betonung zu ersetzen. Das beste praktische Beispiel hierfür bieten die russischen Bolschewiki, die ursprünglich nichts anderes waren als der rnaximalistische Flügel der russischen Sozialdemokratie, und deren Hauptkampf seit über einem Jahre ihren eigenen früheren Oesinnungsgenossen gilt. Von der Methode dieses Kampfes, dessen schreckliche Formen die Welt mit Qrauen erfüllen, Rann hier deshalb night abgesehen werden, weil diese Methode keine Zufallserscheinung ist, sondern mit innerer Notwendigkeit aus jedem maximalistischen Parteiprogramm hervorgehen muss, dessen Vertreter durch irgendwelche Umstände plötzlich zur Macht gelangen. Zu den Maximalisten einer Partei gehören nun^aber durchaus nicht nur die Kurzsichtigen, die ihr Parteiprogramm für eine Weltanschauung halten oder es dazu machen möchten. Die Extreme berühren sich auch hier wie überall. Auch die bewusst oder unbewusst Einseitigen, die Spezialisten, die nur bestimmte Teile ihres Parteiprogramms sehen oder sehen wollen, kommen oft zum 'Maximalismus, indem sie die Realisierung ihrer vermeintlichen Hauptforderung als conditio sine qua non aufstellen. Mit den Maximalisten der erstgenannten Art verbindet sie innerhalb der . Partei nichts als die Methode, nichts als die Taktik des Kampfes, die auf Biegen oder Brechen — des Gegners — gestellt-ist. Nach erreichtem Ziele würden diese Kampfgenossen, wenn auch durch die Notwendigkeit des weiteren Kampfes zwangsweise zusammengehalten, bald die schärfsten Feinde werden müssen, weil ihre sachlichen Anschauungen weit auseinandergehen. Das politische Alltagsleben bietet mehrere Beispiele, und ich kann es mir deshalb versagen, sie hier anzuführen. Hier sollte mit dieser Einleitung nur darauf hingewiesen werden, dass der Maximalismus a 1 s solcher, nicht nur in den sozialistischen Parteien, der Feind jeder Politik, jedes Verhandeins, jedes Uebereinkornmens und deshalb jeder fruchtbringenden Arbeit ist und sein muss. Jede Partei, der es vorzugsweise darauf ankommt, nicht weltbeglückende Ideen zu verbreiten, sondern irgend ein praktisches in der realen Welt liegendes Ziel zu erreichen, wird daher darauf achten müssen, dass ihre Maximalisten der Exekutive so fern als möglich gehalten werden. Denn in der politischen Welt, so lange wenigstens als politische Kämpfe allermeist mit geistigen Waffen ausgefochten werden, ist der Maximalismus praktisch unfruchtbar, und seine Bedeutung für das: Parteiganze besteht höchstens darin, dass er irnmer mehr fordert, als die Partei fordern und viel mehr als sie erreichen kann, dass er also die Partei vorwärts treibt und nicht zu der tätlichen Ruhe kommen iässt, die ihr Ende wäre. Gelingt es aber seinen Vertretern, die Exekutive in die Hand zu bekommen, so ist die Gefahr