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Neue jüdische Monatshefte · 1919-02-10 · Heft 9-12 (10.2.1919) · p. Seite 251

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 9-12 (10.2.1919)
Article
Schalosch Seudoth bei Awigdor Dobrowinski
Date
1919-02-10
Page
Seite 251 (sequence 4)
Language
German
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249 sunde Wurzeln, ohne sich zum Himmel reckende. Zweige, hat noch weniger Gemeinsames mit jeder Urquelle. Nur, die hier auf der Veranda sitzen, sie will er sehen. Nur sie sind die echtem Weg mit den „Von Lubabitsch bis Chaslabitsct'", die die jüdischen jungen Leute in Blusen, gewesene Revolutionäre und Marxisten und jetzige Chassidisrnus-Rornantiker mit ihren schwachen, hoffnungslosen Stimmen und literarischen Abenden auf den Chanukka^Purim-BiUIen singen. Nur Naphtali, der Tallishändler, singt es mit dem wahren heiligen Feuer und deswegen ist er wie einer von leuchtender freudiger Weltenentrückthelt, die in der erstickenden kranken neurasthenischen Luft so selten ist. Nur, die liier sitzen, sind die echten und die -r letzten. Das Rührende dabei ist, daß keiner von ihnen das spürt, daß sie die letzten sind. Weder der tiefe Rabbi Schalom noch sogar sein kluger, scharfer und weitblickender Onkel Avigdor Dobrowinski. Der letzte Atem einer alten schönen Kultur, ihr letzter majestätischer Glanz. Wie können sie nur so ruhig sein? Er erinnerte sich an eine Szene, die auf ihn während einer Mittelnieerreiso einen starken Eindruck machte. Die Fahrgäste der 1. und 2. Klasse spazierten auf dem Deck und genossen die prächtige Nachtluft Sie fühlten-sich plötzlich hingezogen durch orientalische Töne, die vom Zwischendeck erklangen. Alle begaben sich dorthin. Auf dem Boden saßen Perser im Halbkreise und hörten der begeisterten Predigt eines alten persischen Mulla mit einem Moses- 1 gesiebte zu. .Sie hörten: ein dummes nichtssagendes Wort — sie hörten nicht, sie schwammen in Begeisterung und Entzücken. Der Mulla predigte nicht, sondern er improvisierte prophetisch. Keiner der Obenstehenden verstand die Sprache des Mulla, aber ergriffen waren alle. Dio Düfte der weitesten Morgenländer waren zu spüren. Man sah die Rosen von Ispahan, den heiligen Sand der Wüste und Karawanen, weiße Kamele und spürte den Atem des Mohammed. Der Mulla schilderte riesige Bilder, eine religiöse Extase bemächtigte sich seiner, und um die Ertase aushalten zu können, war ihm der Pathos die ganze Musik der orientalischen Gesten nicht genug. Er schwang sich von seinem Platz empor und setzte seine Predigt.singend fort. — Er türmte Wellen auf Wellen von Begeisterung auf seine Zuhörer, in denen diese gleich untertauchen, schreiend, süßseufzend und klatschend auf ihre Stirnen, von unbeschreiblicher Freude und Enthusiasmus. Sie trieben, die Wellen zu dem Mulla zurück und trieb sie wieder mit noch stärkerer Gewalt zu ihnen, bis der Mulla halb ohnmächtig mit einem wilden Allah-Geschrei auf seine Kissen niederstürzt. Allmählich beruhigten sich die Gemüter. An den Ufern ihrer Seelen haben sich die Extasewellen gelegt und nur ein Stilles, müdes Plätschern war zu hören. Joel erinnerte sich dabei, daß auch dann, als er der erstaunenswerten Szene auf dem Schiffe beigewohnt hatte, er . ebenfalls an die letzten gedacht hatte, die nicht wissen, daß sie die letzten sind. Auch dann spürte er mit Wehmut, daß eine alte Kultur zugrunde geht, und wunderte sich über die Ruhe der gläubigen Perser. Ja, ruhig ist das Häuflein Chassidim, die letzten, ruhig auch die Treibhausromantiker, die Possenreißer. Nur in seiner. Joels, Seele lebt

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