Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Schalosch Seudoth bei Awigdor Dobrowinski
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 250 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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245 keiner bemerkte, als die Pforte des Holztors knarrte und auf dem Holz- .steg, der zur Veranda führte, sich Schritte vernehmen ließen. Joel hatte Ludmilla versprochen mit ihr heute im Garten zu spazieren, wollte noch eine kurze Zeit nach Hause gehen. Instinktiv blieb er stehen, wie es immer ist, wenn man unerwartet eine Gesellschaft vor sich sieht, doch als er die Stimmen und die. Schatten der Herumsitzenden wahrnahm, ließ ihn die Neugierde nicht mehr los, und die Neugierde ging über in eine andere tiefere Stimmung, in eine Stimmung der Erhabenheit und Wehmut. Er kannte all die Chassidim, die jetzt bei seinem Onkel auf der Veranda um den Tisch saßen. Er hatte immer ihre Lauterkeit bewundort, das Licht, das aus dem Gesichte des Bäckers Sawel strahlte, die frohe Weltentrücktheit, die von der ganzen Figur des Taliishändlers Naphtali, ausging. Wie gerne hatte er immer von fern das Bild betrachtet: auf dem Marktplatze steht eine Reihe Droschken, die Kutscher auf den Böcken witzeln oder umstehen den witzigen Petro Kowai, ' der Geschichten über seine Fahrgäste und Reiseerlebnisse erzählt. Nur Lasers Wagen steht abseits, er nimmt nicht teil an ihrer Unterhaltung, er sitzt auf seinem Bock, den Kopf über ein Buch gesenkt, und der Wind wiegt leise seinen langen Bart. Jemand schreit: „Kutscher", und das bekannte Drängen der Fuhrleute beginnt. Da ist es immer Laser, der ruhig auf seinerh Platze sitzen bleibt Höchstens, daß er seine Augen vom Buche hebt, um sich bald wieder hineinzuvertiefeu. Hat er doch seine ständigen Fahrgäste, die nur mit ihm fahren. Joel hatte stets gern, diesen stillen einfältigen Zaddik nachzuschauen und dachte dabei: „wenn es Bogdanowka bestimmt sein sollte, in ein Sodom verwandelt zu werden, würde der liebe Gott es doch nicht zerstören lassen, denn in der Seele des Fuhrmanns Laser glüht ein heiliges Feuer der großen Sonne, die einmal über Medjibosch aufging". Das wußte er aber, wie er jetzt an den hölzernen Pfeiler gelehnt stand, und die begeisterte tief klingende Stimme des chassidischen Predigers und die zurückgehaltenen Entzückungsseufzer der Kopister Chassidim hörte — jetzt hatte er es doch noch mehr verstanden, denn er vernahm gleichzeitig das helle silberne Murmeln der ewigen Quelle, aus der jene bewunderten reinen Juden schöpften und sich erneuerten, so daß der Werktagsstaub an ihnen nicht haften blieb. Und aus welch weiten verborgenen Ländern kam diese Quelle! Die o Riesengewalten von Jahrhunderten hatte sie überwältigt und sich durchwunden bis zu den jüdischen Städtchen ,von heute. Ewige unversiegbare Quelle! Sind auch ewig diejenigen, die aus ihr schöpfen? Stehen hinter dieser Reihe reiner Seelen noch lange Reihen mit Krügen bereit zum Schöpfen, um leichter,, besser und schöner zu leben? Diese Gedanken mischen in das erhabene aufmunternde Gefühl etwas von Wehmut und stiller Trauer. Die letzte Reihe! Daran ist nicht zu zweifeln. Der verkrüppelte unreine Massenchassidismus von Polen und Galizien, dieses gewaltige Reservoir von Finsternis und Wildheit hat mit dieser silbernen Quelle nichts gemein. Ein trüber Bach, an dessen Ufern eß ^pn gefährlichen Insekten wimmelt Und der literarische Chassidismt/s, die künstlichen Treibhausgewächse ohne kräftige ge-