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Neue jüdische Monatshefte · 1919-02-10 · Heft 9-12 (10.2.1919) · p. Seite 249

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 9-12 (10.2.1919)
Article
Schalosch Seudoth bei Awigdor Dobrowinski
Date
1919-02-10
Page
Seite 249 (sequence 2)
Language
German
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247 /"~y";'~ Und die süße Melodie hat sie immer weiter und^weiter fortgetragen, bis zu dem Rav, nach Brazlaw, nach Medjiboscft^ Die Melodie, langsam, monoton und verträumt, war ihnen nur Begleiter auf diesem Weg zu einer herrlichen, heiligen Welt. Es war ihnen, als wollten sie von diesem Wege, voll von Verheißungen, niemals zurückkehren, ja, sie wollten auf ihm immer weiter wandern, unendlich und ziellos. So süß und hoffnungsvoll war der Weg. Lange wogte diese begleitende Melodie und sich ausloste in einem allgemeinen, „Ach Vater, süßer, herziger Vater". Kaum verhallte dieser erquickende Seufzer, als von oben, wo der angesehene Gast, ein alter Kopister Chassid saß, stille durchdringende Worte ertönten. Rabbi Schalom hat angefangen, chassidisch zu predigen, mit einer Hand bedeckt er seine Augen, während er die andere sanft bewegt, als wollte» er die Seelen der um den Tisch Sitzenden an sich ziehen; mit zurückgehaltenem Atem, die Köpfe neigend, hören die Chassidim zu. Die Sonne fing an, auch das übrig gebliebene Gold, das noch über den Himmel zerstreut war, zu sammeln, faltete ihre Purpurgewünder zusammen, nachdenkend, ob sie nicht noch etwas vergessen habe, und verschwand, mit einem lieben, süßen „auf Wiedersehen". Und als die Dämmerung niedergesunken war und die Konturen der Gestalten verwischte, klang die Stimme des Rabbi Schalom noch kräftiger, überzeugender als zuvor. Er war am letzten Ring der mystischen goldenen Kette angelangt, der verzweigte Gedanke strebte nach einer harmonischen Lösung, und durch den herrlichen dichten grünen Wald war schon der helle, breite Weg zu erkennen, der zum einzigen Ziel führt: Gottes wunderliche Welt, den Schöpfer zu verstehen und steh ihm nahe fühlen. Freudig und stolz ließ Rabbi Schalom seine Stimme klingen; denn vor sieh wußte er den Sieg. Er fühlte dies Nahen des Sieges und mit Freuden führte er seine Kolonne. Seine Stimmung riß die anderen mit fort. Sie durchlebten die starke Schaffensfreude, die Freude an einem Werk, das man stufenweise zur Vollendung nahen sieht, zur harmonischen Vollendung. Die anfänglich nötige Anstrengung, um nicht eine Minute den Gedankenfaden zu verlieren, ist einem leichten, süßen Verfolgen der Bewegungen des Meisters gewichen, der nun dem fügsamen Marmor die letzten Meißelschläge gibt, um das Werk in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit bald auftauchen zu lassen. Die Chassidim schnalzten vor seeligem Entzücken mit den Fingern, und der Bäcker Sawel versuchte inehreremal, mit einem begeistert seufzenden „ach, ach" von seinem Ort aufzustehen; er hat die Lust verspürt, vor großer Freude und überschäumendem Gefühl Dobrowinskis Hof zu durcheilen. Er wußte, daß die wunderliche geistige Reise, die sie eben mit Rabbi Schalom unternahmen, beendet ist und er wollte den letzten Moment mit sich allein durchleben. Diese süße Trunkenheit, dieses entzückende Flattern der Seele, überkamen ihn immer, wenn er chassidische Predigten hörte, und immer blieb er doch auf seinem Platze sitzen, da er nicht die Kraft besaß, sich von seinem Ort aufzuraffen. So war es kein Wunder, daß

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