Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Schalosch Seudoth bei Awigdor Dobrowinski
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 248 (sequence 1)
- Language
- German
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246 Schalosch Seudoih bei Awigdor Dobrowinski Aus dem Roman „Joel Dobrowinski" Von Sch. Gorelik, Berlin. STEEGS war vor Ausgang des Sabbats, um die Zeit, wenn Kinder von $pIM ihren Spielplätzen nach Hause eilen, müde, schwitzend und befJjyßjiS staubt. Die Mütter sitzen auf den hölzernen Veranden, streicheln, ihre jetzt unruhig gewordenen Kinder und sagen nachdenklich: „Bald.: Moischele, wird man singen: „A gite Woch, a teire Woch". „Mutti! wann wirst du mir Sehnlichen kaufen?" „Morgen, Moischele", „und Strümpfchen auch, Mutti?" „Ja, mein Liebling, Strümpfchea auch." „A gite Woch, a teire Woch Der Sabbat war am Ausgang, der Himmel hat sich etwas bewölkt, ein. leiser Wind durchzog die Straßen und wirbelte den Staub auf. Regentropfen fielen langsam. Es dauerte aber nur eine kurze Zeit. Bald heitert es sich auf und die müde Sonne bereitet sich zum Abschied vor und streichelt alles mit einer lieblichen väterlichen Wärme, die der Seele des Menschen so wohl tut. Still und ruhig ist die Natur. Der Glockenturm der weißen Kirche, die ganz am Ende der breiten Adelsstraße steht, ruft feierlich verhaltend zum Abendgebet. Langsam, schon in seinen Gedanken bei dem werktätigen morgigen Tag, kehrte ein ausgeputzter Krämer von einem Besuch zurück, ein paar Schritte hinter ihm seine Frau mit seinem Kinde, das in einen Apfel beißt und in den kleinen Händchen ein großes Stück weißen Barches drückt Um den langen Tisch auf der Veranda bei Awigdor Dobrowinski saßen die Chassidim, immer dieselben: der Bäcker Sawel, der Tallishändler Naphtali, der Fuhrmann Laser und all die übrigen, die zum Minjan von Dobrowinski gehörten. Nur oben an saß ein neuer, anscheinend sehr angesehener Gast, ein Greis mit tief gerunzelter Stirn, langen Augenbrauen und breitem weißen Kragen. Auf dem Tische standen noch leere Gläser, silberne Becher und Speisereste. Es war schon nach Schalosch- Seudoth. Vollkommene Stiljp herrschte auf der Veranda. Der eine saß, den Kopf nach hinten geneigt, ein anderer knallte mit den Fingern im Takt zu seinen tiefen Gedanken. „Na", sagte Dobrowinski und warf einen lächelnden Blick in der Richtung, wo Sawel saß. Sawet verstand diesen Wink und es war ihm anzumerken: hätte sich dieses „Nä" um etwas verspätet, Sawel hätte von selbst das getan, wozu er aufgefordert wurde. Denn es hatte schon lange in ihm gesungen und nach Ausdruck gesucht Mit einem strahlenden Gesicht, mit seinen weißen Fingern auf dem Tische spielend, mit halbgeschlossenen Augen, begann er langsam eine chassidische Melodie. Ti-ri-rai-tim, ti-ri-rai, Tirirai-tam, ti-ri-rai. Es hat ihn empor getragen, losgelöst von dem begrenzten Ort, von dieser Veranda, weithin zu jenen Zeiten, in denen esi noch große Menschen und große Taten gab. Dieses Gefühl bemächtigte sich allmählich auch der übrigen Gäste am Tisch. Aha-ai-ai, tidi-tidi-tam, Aha-ai-ai, tidi-tidi-tam haben alle mitgesungen, ebenfalls mit halbgo schlossenen Augen und leise auf dem Tisch mit den Händen spielend.