Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Sozialisierung in Palästina
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 245 (sequence 3)
- Language
- German
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243 längst durch greifbare Tatsachen widerlegt worden. Die Zahl der Kleinbetriebe, die in der Industrie tatsächlich zurückgeht, ist in der Landwirtsehalt in fortwährendem Anwachsen begriffen; hier wird nicht der Kleiabctrieb von der Großproduktion, sondern die Großproduktion vom Kleinbetrieb verdrängt. Die Entwicklungstendenz der Landwirtschaft ist mithin nicht Anhäufung, sondern Zersplitterung, nicht Kollektivismus, sondern Individualismus. Die angebliche Überlegenheit des agrarischen Großbetriebes, die der ganzen marxistischen Agrartheorie zugrunde liegt, ist längst als falsch erkannt; die jahrelangen Auseinandersetzungen über diesen Streitpunkt sind heute auf Grund der neueren Feststellungen — gesammelt in der abschließenden Arbeit von Keup und Müh r er über den landwirtschaftlichen Kleinbetrieb — endgültig zugunsten des Kleinbetriebs entschieden. Angesichts der konkreten Entwicklungstatsachen hat auch Karl Kautsky, der in seiner „Agrarfrage" den folgerichtigen agrarmarxistischen Standpunkt vertrat, nicht umhin können, der marxistischen Agrartheorie, die von den Revisionisten längst verworfen wurde, zu entsagen. (Er ist auch in der preußischen Sozialisierungskommission mit aller Entschiedenheit für die Erhaltung des. bäuerlichen Grundbesitzes eingetreten. Auf den gleichen Grundsätzen basiert im übrigen auch' das in' einer Rede im bayerischen Sozialisierungsausschuß vom 25. Dezember v. J. von Kurt E i s 11 e r entworfene bayerische Agrarprogramm,) Darum kümmern sich freilich unsere strammen poale-zionistischen Marxisten nicht im geringsten. Macht nichts, es wird sozialisiert. Wie es geschrieben steht in der Lehre Marx\ Daß freilieh die besagte Sozialisierungsforderung .auch vom Standpunkt des reinen Marxismus völlig unhaltbar, völlig unmarxistisch ist, braucht für jeden, der je einen Hauch marxistischer Beweise verspürt hat, kaum hervorgehoben zu werden. Der .eminent evolutive und organische marxistische Standpunkt setzt die Sozialisierung an das Ende, nicht an den Anfang des produktiven Entfalfungsprozesses; die Vergesellschaftung ist Ergebnis und Ziel, nicht Ausgangspunkt und Voraussetzung. Das individualistische Prinzip in der Wirtschaftsentwicklung ist als vollberechtigte und notwendige „historische Kategorie'4 anerkannt, und mit aller Entschiedenheit weist Marx, dessen „kommunistisches Manifest" eine förmliche Apotheose des von der Bourgeoisie repräsentierten Wirtschaftsindividualismus als EntfaJter der Produktivkräfte enthält, den Gedanken zurück, als könnte eine Entwicklungsphase übersprungen werden. Das ist auch heute in Deutschland der gesunde Standpunkt der sozialistischen Mehrheitspartei, der sich übrigens in dieser Beziehung auch Karl Kautsky und Eduard Bernstein anschließen, die die übers Knie gebrochene „Sozialisierimg14 entschieden ablehnen. Unsere palästinensischen Agrarmarxisten (denn dio palästinensische Industrie Ist ja vorderhand Zukunftsmusik *)) mögen sich also dessen bewußt sein, daß die Sozialisierungsfordenmg weder mit dem Marxismus, noch mit der Vernunft etwas l) Es handelt sich bei den Sozialisierungsbestrebungen in Palastina um die einzig wesentliche und spruchreife Yergesellsehaftlichung (bzw.. „Nationalisierung") des Bodenbesitzes. Dahin zielen auch die Forderungen der