Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Karl Marx
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 241 (sequence 4)
- Language
- German
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139 und widerspruchslos vom Judentum loszusagen, darum ist euere politische Emanzipation selbst nicht die menschliche Emanzipation. Wenn ihr Juden politisch emanzipiert werden wollt, ohne euch selbst menschlich zu emanzipieren, so liegt die Halbheit und der Widerspruch nicht nur in euch, sie liegt in dem Wesen und der Kategorie der politischen Emanzipation. — „Aber wenn der Mensch, obgleich Jude, politisch emanzipiert werden, Staatsbürgerreehte empfangen kann, kann er die sogenannten Menschenrechte in Anspruch nehmen und empfangen?1* Bauer leugnet es: „Die Frage ist, ob der Jude als solcher, das heißt der Jude, der selbst eingesteht, daß er durch sein eigenes Wesen gezwungen ist, in ewiger Absonderung von den anderen zu leben, fähig sei, die allgemeinen Menschenrechte zu empfangen und anderen zuzugestehen?" „Der Gedanke der Menschenrechte ist für die christliche Welt erst im vorigen Jahrhundert entdeckt worden, er ist: dem Menschen nicht angeboren, er wird vielmehr nur erobert im Kampfe gegen die geschichtlichen Traditionen, in denen der Mensch bisher erzogen wurde . . . Kann sie nun der Jude wirklich in Besitz nehmen? Solange er Jude ist, muß über .das menschliche Wesen, welches ihn als Menschen mit Menschen verbinden sollte, das beschränkte Wesen, das ihm zum Juden macht, den Sieg davontragen und ihn vom Nichtjuden absondern."1) „Beschränktes Wesen", „Nationalität des Kaufmanns" — man wird bei allen mildernden Umständen diese beispiellose Seichtheit der Auffassung — die ja-übrigens Kau tsky , dessen Vorrecht es zu sein scheint, Marxens Irrtümer zu potenzieren und zu multiplizieren, zu seiner in seinen Schriften „Nationalität und Internationalität" und ..Judentum und Rasseu entwickelte „Kastentheorie" ausbaut — bei einem Manne unbegreiflich finden, der trotz seiner Jugend immerhin bereits bedeutsame Denkleistungen hinter sich hatte. Den Blick auf das Judentum seiner Zeit und Umgebung gerichtet, mußte sich ihm dieses Urteil als unmittelbar durch die Tatsache gerechtfertigt ergeben. Die „Nationalität" dieser längst allen positiv-jüdischen Wesenheit baren Juden war wirklich chimärer Art, dem forschenden Geist nur durch zwei Attribute erkennbar: das negative einer eben nur als „beschränktes Wesen" denkbaren Abgesondertheit und das positive des „Geldmenschentums", einer für das jüdische „Wesen" bestimmend scheinenden Heterometrie des Erwerbstriebes. Im zeitlichen Zerrbild eines entarteten Volkstypus glaubte er das Ebenbild des nationalen Genius Israels zu erblicken. Die Brandmarkung trifft daher nicht die echte Gestalt, wohl aber das Zerrbild. Was aber der zeitlichen und räumlichen Befangenheit des Meisters als Entschuldigung gilt, ,muß seinem Dreivierteljahrhundert später in einer Zeitläufte, in der das Bild des'wirklichen Volkes in vollem Lichte 'erstrahlt ist und auch seine westlichen Splitter nicht mehr durchgängig jene gezeichneten Charakterzüge des Freigclassenengeschlechts bieten, in die gleiche Kerbe schlagenden Jünger zum verstärkten Vorwurf gereichen. * # * *) Gesammelte Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels, 1841—1850. Erster Band,.Stuttgart 1902 (S. 515ff.)