Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1919-02-10 · Heft 9-12 (10.2.1919) · p. Seite 239

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 9-12 (10.2.1919)
Article
Karl Marx
Date
1919-02-10
Page
Seite 239 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2908689-2908735-2908742-2911642--2335-2911715
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

"237 Empfindungen zu Überzeugungen«, die unbewußten Regungen arton bald in tiefexwurzelnde Wertgefühlo aus. In den Sturmun<J Drangjahren soines Berliner Studentenlebens (1836/40) durfto sich dem nach Welterkenntnis strebenden Geist in ganz anderem Maße als in der kleinen Provinzstadt die Gelegenheit geboten haben, dem zeitgenössischen Judentum ins Auge zu blicken.. Es war daß deutsche Judentum zwischen 1812 und 1848. Die erste Emanzipationsgeneration, ein Geschlecht von Freigelassenen, deren Seelenfesseln sich desto enger und drückender zusammenschnürten, je mehr die äußeren Bande sich lockerten, dessen innerer Knechtsinn in äußerer Halbfreiheit herrlicher zu gedeihen schien als je. Allen jüdischen Eigenlebens längst bar, hatte dieses Geschlecht auch an den großen Lebensidealen des Volkes, in dessen Mittfl es lebte und leben wollte*, keinen Anteil. Dio Ideale der Freiheit und der nationalen Einheit, deren hello Strahlen auch in die trübe üdigkeit des deutschen vormärzlichen Pfahlbürgertums' drangen und das Alltagssein vergoldeten, blieb dem im Rausch der neuen Freiheit taumelnden Freigelassenengeschlecht im innersten fremd. Was sollte dem auf seine Halbfreiheit Stolzen der Freiheit höchstes Ziel, was dem Empfänger des Freiheitsgeschenkes der Freiheit^ k a in p f sein? Der jüdischen Seelenart entfremdet, waren die Beziehungen zum fremden Volksieben äußerlicher, mehr sachlicher ak persönlicher Natur. Dem auf das Zweckmäßige gerichteten Geist konnte auch das Verhältnis zur deutschen Umwelt nur als Zweckhaftes bewußt werden, und das, was als die Erfüllung und Verwirklichung dieses Verhältnisses erscheinen mußte, die »Emanzipation, wurde vollends als vorteilhaftes Geschäft gebucht. Es galt, dieses Geschäft voll zu realisieren, den neuen, noch unsicheren Freiheitserwerb in Besitz zu nehmen und fruchtbringend zu verwerten. Und diese Vor- und Auswertung war eine materielle, geldliehe. Freizügigkeit und Handelsfreiheit, Gleichberechtigung in der Beruf saus Übung und alles, was das Jahr 1812 an Verbesserung der Rechts- und Wirtschaftsstellung brachte, bildete den den Juden dieser Zeitläufte einzig dünkenden Gewinn des Emanzipationsgeschäftes. Es begann jener sinnberauschende Tanz der Freigelassenen um das goldene Kalb, jene zügellose Erwerbsbrunst und Hegemonie des Erwerbstriebes über alle besseren Herzensregungen, die .von der Menschenseele bald uneingeschränkten Besitz ergriffen und sio zur Räuberhöhle, bestenfalls zur Trödlerkrara. machte. Was dein wirtschaftlich aufstrebenden deutschen Bürger Mittel zum Lebensglück war, war dem Juden zum höchsten Lebensglück selbst geworden, was jenem ein Weg, war diesem alles Strebens Ziel. Wir wissen, wie diese Gestaltung des jüdischen Lebensideals im Westen nur in ihrer organischen Einreihung in der objektiven Naturnotwendigkeit jenes elementaren Entwicklungsprozesses begriffen werden kann, der den Übergang von .der merkantilen zur kapitalistischen Wirtschaftsordnung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bezeichnet. Der Jude, als Händler und Geldleiher seit jeher auf erponiertem Postern stehend, muß sich früher und unbedingter als andere der neuen „Erwerbsidoo" und „Wirtschaftsgelinnung41 hingeben und bald, wenn auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.