Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Karl Marx
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 238 (sequence 1)
- Language
- German
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,236 Kail Marx Von Leo Rosenberg, München.*) ^Iß^sf1* war ^m «Juc*° und nichts Jüdisches war ihm bewußt eigen. Seine Geburt und früheste Jugend fielen in eine Zeit, in der cJülllsä öter moralischo Zersetzungsprozeß der westlichen Judenheit, vor einem Halbjahrhundert eingesetzt, jbereits weit vorgeschritten war. In einer von sittlichen Miasmen geschwängerten Luft eines an seiner oigenen Natur irre gewordenen Menschentums kam er zur Welt, und seine Wiegenjahre waren in trübes Zwielicht getaucht. Mordechai, Rabbi Mordechat hieß, sein Großvater, strenggläubiger und thorabeflissener Rabbiner der Gemeindo zu „Trier; Hirsehel, darauf Heinrich sein Yater, ein aus dem Dunkel des deutschen Ghetto mühsam zu preußischer Advokatenherrlichkeit emporgestiegener Freigeist und Karrieremacher. (Rabbi Mordechais älterer Sohn, Samuel, folgte dem Vater als Rabbiner in Trier, und dessen Sohn Moses war Rabbiner zu Gleiwitz.) In schöner Harmonie mit dem Wesen dieses Mannes klang die Seelenart seiner Frau, einer aus Ungarn nach Holland eingewanderten alten Gelehrtenfamilie namens Preßburg v entstammend, zusammen: „praktisch" bis auf die Knochen, zweck- und erfolgsüchtig, vor moralischer Skrupelhafti^keit unbeschwert und jüdisch unbefangen. Sie hat ihr Lebenlang nicht verwinden können, daß ihr Sohn so völlig aus dieser Art geschlagen war: „Wenn der Kareil viel Kapital gemacht, .statt viel über Kapital zu schreiben, wäre es viel besser", lautet ein von Marx selbst vermittelter Ausspruch von ihr. 1824, sechs Jahre nach Karls Geburt und zwölf Jahre nach dem' Emanzipationsedikt, wendet sich die Familie einem Gotte zu, der allein seinen Gläubigern Ämter und Würden im voimärzlichen Preußen verschaffen konnte. Hirschel- Heinrich wird evangelischer Justizrat, und der sechsjährige Karl gleitet. sänftiglich in die fremde, feindliche Welt hinüber. Schon als Gymnasiast gerät er in den Bann der christlich-germanischen Romantik: sein Herzensfreund wird ein hegelianisch angehauchter^ altpreußischer Aristokrat und Beamter, der Geheime Regierungsrat Ludwig von Westfalen, in dessen geraden und echten, von Gesinnung und Würde getragenen Persönlichkeit er das findet, was er in seinem angestammten Kreise, in der Person seines Vaters immer schmerzlicher vermissen mußte: „einen lebendigen Beweis, daß der Idealismus keine Einbildung, sondern Wahrheit ist". (Marx in einer seiner Dissertation vorangestellten Widmung.) Dessen kluge und mutige Tochter wird ihm Lebens- und Kampfgefährtin. Die bildsame Seele des Knaben sog hier, im Dunstkreise christlich-germanisch-romantischer Schwärmerei, das Gift der Judenächtung ein, das er sein Lebenlang nicht mehr auszuschwitzen vermochte. Durch die Erfahrungen eines schon früh zur Klarheit und Schärf© heranreifenden Verstandes verdichten sichallmählich die vagen *) Aus einem anläßlich der hundertmaligen Jährung des Geburtstages Karl Marx*-iip „Napoel-Hazaü" zu Berlin gehaltenen Vortrag, der hinsichtlich ddr gegenwärtigen Ereignisse in der Weltpolitik seinen aktuellen Wert noch nicht verloren, vielmehr an Dringlichkeit nur gewonnen hat. D. Red.