Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Hermann Cohen und das nationale Judentum
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 236 (sequence 4)
- Language
- German
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234 v Allein dieser Grundgedanke; allein der tiefe Glaube an den Gott der Geschichte, der sich den Propheten• offenbarte — und durch die Propheten der ganzen Welt im messianischen Gedankenk— vermögeunserem Fortbestehen innerhalb der modernen Kultur Untergrund und. innere Ganzheit zu .verleihen. * Hier kommen wir' nun zur schwachen Seite des Cohensehen Judentums. Dieser tiefe Denker,, der Nachfolger Piatos in der Ideenlehre, sieht eben bloß die ,,ldeeu, nicht aber die Erscheinung, das Allgemeine und nicht das Einzelne, den Wald und nicht die Bäume, die Menschlichkeit; und nicht den Menschen. Der absolute Idealismus- Cohens sieht nicht den lebendigen Menschen, der leidet und fällt und sich aufrichtet und liebt und haßt und kämpft um seine nackte- Existenz, — er kann ihn nicht sehen, weil der lebendige Mensch oft einen lebendigen Widerspruch zum Begriffe der Menschheit darstellt und keinen Platz hat im prächtigen Begriffenbau. Die absolute Universalität stoßt die Individualität ab, die ihr und ihren Gesetzen trotztr zwar stoßt sie das Abwegige ab, aber auch das Schöpferischeder Individualität. Sie weiß überhaupt nicht, was das Schöpferische ist, wie sie das ganze Kämpfen und Rollen in der Welt und im Leben nicht kennt. Sie kennt nur die Entwicklung der zeitlosen Begriffe (wie in der Mathematik), nicht aber die an die Zeit haftende Entwicklung, die Entfaltung der einzelnen Dinge zu neuen Lebensformen. Dieses Leugnen persönlicher Individualität übertrug sich, auch auf völkische Individualität. Ist doch im Vergleiche zur „Menschlichkeit" selbst die völkische Individualität nichts als „Erscheinung", Schatten, Illusion. Daher die traurige 'Tatsache, daß Cohenr der große Philosoph und große Jude, der das Banner des Judentums hochträgt und in der jüdischen Lehre die Spitze der sittlichen Kultur erblickt, daß er doch zugleich das n a ti o n ale.Fortbestehen und die- Zukunft Israels verneint. Nicht daß, Gott bewahre, das Judentum von der Welt verschwinden werde: gehört doch das Judentum in das idealistische System Cohens, und bildet doch der jüdische Gottesgedanko das geschichtliche Exislenzrecht des Judentums. Aber außer dieser Mission, habe das Judentum kein Existenzrecht, ja ein richtiges nationales Fortleben widerspreche der erhabenen Müssion, das heißt, der Moral der Propheten und dem messianischen Gedanken. Daher auch seine Widersprüche und Umdeutungen in den prophetischen- Voraussagungen zu den Messiaszeiten, was den großen jüdischen' Philosophen in dieser Hinsicht den bekannten Protestrabbinem * gleichstellt. Derjenige, der behauptet, das messianische Ideal schließe nicht die Hoffnung auf eine vollständige nationale Wiedergeburt in. Palästina mit ein, mißdeutet die Lehre der Propheten. Hier* setzt dio Tragik im Cohenschen Judentum ein. Cohen muß die Worteder Propheten umdeuten, wie er die Lehre des Judentums über das Fortleben nach dem Tode aus dem Persönlichen ins Kollektive über- . trägt. Er braucht kein Judentum, das für sich völkisch-individuelles- Leben in Anspruch nimmt, wie er kein Judentum braucht, das individuelles Fortleben der Gerechten nach dem Tode erhofft.