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Neue jüdische Monatshefte · 1919-02-10 · Heft 9-12 (10.2.1919) · p. Seite 235

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 9-12 (10.2.1919)
Article
Hermann Cohen und das nationale Judentum
Date
1919-02-10
Page
Seite 235 (sequence 3)
Language
German
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233 Opposition gegen den Krieg, das mächtige Streben zum Ausrotten dieses „historischen Götzen". *; , . Cohen, der Nachfolger Kants in der formalen Forderung, der Priorität der praktischen Vernunft (der Ethik), ist der Nachfolger der jüdischen Propheten' hinsichtlich des W e s e n » der Sittlichkeit. Nach der Ansicht Cohens gibt es in der gesamten menschlichen Gesittung keinen dauernden Wert, der nicht seinen Urgrund im Judentum hätte. Die Thora ist nicht bloß den Juden gegeben worden, sondern diese Nation hat die geschichtliche Aufgabe, ihre jüngeren Schwestern in der großen Menschheitsfamilie zu belehren, bis die ganze Erde.voller Gotteserkenntnis sein werde und die Lehre der absoluten Gerechtigkeit zum Leitstern der Völker werde. Auch in seiner persönlichen Stellung zur Philosophie ist Cohe echter Jude. Dieses philosophische Genie, der das Allerbeste im menschlichen Denken von Plato bis Kant in sich aufgenommen hat und in Baustoff, für sein herrliches Gebäude verwandelte, steht nicht vor seinem Bau wie ein Altgrieche etwa, beschaulich und vergnügt wie vor einem Kunstwerk. Seine Lehre ist ihm vielmehr ein mächtiges, sittliches Werk, das über seinen Geist und innere Welt Gewalt ausübt und ihn zwingt, zu lehren und zu predigen. Diese Neigung tritt besonders deutlich im Cohenschen System des Judentums hervor. Die jüdische Ethik und Religionsphilosophie sind ihm nicht etwas Spekulatives, das nur für Auserwählte gegeben ist. Zwecks Förderung der echten sittlichen Kultur verlangt, er. daß de Urkraft des jüdischen Gottesgedankens in reiner unzertrennbaren Verknüpfung mit der Sittlichkeit in uns immer wachsen solle. So hält er Vorlesungen in der Lehranstalt für Wissenschaft des Judentums zu Berlin, bereist verschiedene Städte und trägt vor über di<! Prinzipien der jüdischen Moral und sorgt für Lehrstühle der Ethik und TCeligionsphilosophie in den RabbLnerseminaren. Rerman Cohen ist sicher, daß die Entfaltung des Judentums von dessen philosophischer Begründung abhängig sei. Ja, sogar, daß das. Fortbestehen des Judentums vom geläuterten Begreifen seines Wesens abhängig sei. Allein dieses Begreifen sei eine Bürgschaft gegen Verrat und Fahnenflucht. Nicht genug, daß ein Jude den Verrat verabscheut, weil di^ jüdische Ethik der christlichen nicht nachsteht oder weil es verwerflich ist, diejenigen im Stiche zu lassen, mit denen wir seit Jahrtausenden zusammengebunden sind und gemeinsame geistige, wie auch Leidenserinnerungen haben. Ein Jude müsse auch noch anerkennen, daß die " Wirkung des jüdischen Gottesgedankens nicht aufhören werde, und deshalb habe dieser Gedanke keinen Ersatz. Das Sichversenken in das Wesen des Judentums samt dem Studium der Thora würden uns die Erkenntnis beibringen, der jüdische Gottesgedanke sei organisch verknüpft mit der absoluten wissenschaftlichen Ethik, daß die Ethik nichts als Stückwerk sei, wenn wir sie vom Gottesbegrifi9 trennen. Es wäre •dabei ein Irrtum, anzunehmen, der Inbegriff des Judentums besitze etwa noch eine andere Wurzel. Das geschichtliche Existenzrecht des Judentums hänge von seinem einzigen Gott ab. 6ie stehe und falle mit ihm.

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