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Neue jüdische Monatshefte · 1919-02-10 · Heft 9-12 (10.2.1919) · p. Seite 237

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 9-12 (10.2.1919)
Article
Hermann Cohen und das nationale Judentum
Date
1919-02-10
Page
Seite 237 (sequence 5)
Language
German
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235 \ s Wenn man «Cohen fragen würde: was soll dieses Volk, daß die Welt zu verbessern und den menschlich-göttlichen Gedanken zu lehren hat, wenn die Schüler der Lehre abhold sind und gegenüber den Forderungen der Sittlichkeit und Gerechtigkeit das Faustrecht entgegenstellen? — so würde Cohen antworten: Möge es-stillschweigend und zuversichtlich dulden, der Endsieg muß kommen. Oder er würde naiv trösten, da-s Studium der Thora werde auch unseren politischen Wert ■steigern, da man den Kulturwert des Judentums und seine Ethik erkennen und dankbar annehmen werde.' Aber nicht allein das grundsätzliche Konsequenzmotiv (das'Verneinen der Individualität) verursachte die schwache Seite im Judentum Cohens. Nicht minder, vielleicht noch mehr, ist dabei eine psychologische Ursache mitschuldig, die in einem Worte zu bezeichnen ist: Gallith. Vermag doch Hermann Cohen die Wichtigkeit greifbarer nationaler Formen anzuerkennen — wenn es sich um andere Völker, nicht um Juden, handelt. Der nationale Begriff — so gibt er zu — ist nicht verpönt, ja er trägt mittelbar zum Kosmopolitismus bei. An einer Stelle sagt er ausdrücklich, die messianische Menschheit bedeutet nicht das Verschwinden der Völker, sondern deren Vereinigung in der Moral. Eine Ausnahme bilden also allein die Juden, allein ihr Streben zu Volkstum und Staatlichkeit widerspreche der Sittlichkeit und den Idealen der Propheten. Wir, die wir das Fortbestehen unserer Nation nicht von irgendeinem Gedankengehalt abhängig machen, wir, die wir individuelles, schöpferisches Leben wollen — wir können nicht Hermann Cohen bis zu Ende folgen. Deshalb ist Cohen, der zum Lehren geboren ist, nicht Wegweiser für-sein Volk geworden. Wir sind der Geschichte dankbar, daß sie uns in unserer Zeif. Oiese lichtvolle Persönlichkeit geschenkt hat. In unserer Zeit, als die jüdische Seele entzweigebrochen ist und als uns von unserer großen Welt der Vergangenheit bloß Bruchstücke erhalten geblieben sind, verschafft es uns ein besonderes Vergnügen, einen Augenblick ins Gesicht dieses edlen Geistes zu schauen, das alle Stürme der bitteren jüdischen^Wirklichkeit nicht zu trüben vermochten und das von einer antiken Schönheit, vom Ausdruck sittlichen Glaubens und Ganzheit tiberzogen ist. Es liegt ein besonderer Zauber in der einsamen Ruhe des Großen, der auf seinem hohen Felsen thront und zum Himmel emporblickt- Für uns, die Ebenebewohner, ist es gut und nützlich, sich von Zeit zu Zeit des großen Einsamen zu erinnern und ihn zu betrachten: er ist der lebendige Zeuge der nationalen Schwungkraft und der uralten Geistesenergie. Aber er wird zu uns nicht heruntersteigen. Wie wir, die Erdgeborenen, zu ihm nicht herauf können, so kann, er nicht zu uns herunter. Es gibt keine Leiter zwischen Himmel und Erde. Und als wir uns aufraffen werden, den Staub, der Ebene abzuschütteln, um ins Weite zu ziehen, so wird nicht er, der Einsame, uns den Weg 7-oigen und den Mut stärken. Fremd sind ihm die Wege der Ebene. Nicht einmal jene Pfade kennt er, die in die Weite,führen.

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