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Neue jüdische Monatshefte · 1919-02-10 · Heft 9-12 (10.2.1919) · p. Seite 234

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 9-12 (10.2.1919)
Article
Hermann Cohen und das nationale Judentum
Date
1919-02-10
Page
Seite 234 (sequence 2)
Language
German
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\ Mensch übrig. Ohne jeden Vermittler kämpft die Seele um ihre Reinheit und ihre Erlösung. Daher der eokratiscRe Begriff der Sünde aus „mangelhafter Einsicht", denn der Mensch ist schwach und nicht unfehlbar. Diese mangelnde Einsicht bedingt auch die Vergebung. Diese sokratische Auffassung liegt auch dem Begriffe „Thora" 'zugrunde, der nicht allein Gesetz und Recht, sondern auch Wissen und Einsicht bedeutet. Die Juden sollen nicht nur Gott lieben — diese Liebe könnte sich vielleicht begnügen mit dem Erfüllen der Geböte —, sondern sie sollen auch Gott kennen. Die Sittlichkeit verlangt das Wissen. Damit ist die jüdische Religion im Vorteil gegenüber anderen Religionen, daß sie das Erkennen und die Moral nicht auf Eingebung und Offenbarung, sondern auf der Erkenntnis selber ^telit (Autonomie der Erkenntnis!). Die Forderung einer inneren Einheit zwischen der spekulativen und der sittlichen Erkenntnis ist echt jüdisch. Dalier der große Wert, 'den der Jude dem Studium der Thora beilegt. Deshalb konnten sich auch die sozialen Gegensätze unter den Juden nicht sonderlich entwickeln: das Thorawissen inachte arm und reich gleich. Dieser Grundgedanke durchdrang die ganze soziale Ordnung und setzte die Forderungen der gesellschaftlichen Ethik für immer fest. Den erhabensten Ausdruck fanden diese Imperative im Sab batgobot: „Damit dein Knecht und deine Magd gleich dir ruhen . . . deshalb befahl dir Gott den Sabbath zu feiern." Sabbat wurde zum Wahrzeichen der sozialen Gerechtigkeit. Yesaja sagt: „Wohl dem . . der Sabbat! vor Entweihung und seine Hand vor jeder bösen Tat hütet." Die innere Beziehung zwischen Thorakenntnis und sozialer Gerechtigkeit brachte es auch mit sich, daß man den Sabbat dem Thora- Studium widmet. Und . Cohen preist in begeisterten Ausdrücken den ^Sabbat mit seiner versittlichenden Wirkung und kommt zu einem Beschluß, daß, wenn die" Juden der Welt bloß den Sabbat gegeben hätten, es hätt' ihnen ausgereicht zum ewigen geschichtlichen ferdieiist. Ist der Grundgedanke des Sabbats die soziale Freiheit. m hat das Judentum zugleich damit auch die moralische Freiheit .überhaupt proklamiert- Das biblische Wort: „Ihr seid Kinder Gottes, eueres H e r r n" ' (soziale Gleichheit) ist in seiner tiefen Wahrheit .verständlich nur wenn wir dazunehmen das Wort: „Wähle das Leben" (sittliche Freiheit und Verantwortung!). Der innere Zusammenhang aber zwischen der Freiheit in sittlicher Beziehung und der Freiheit in politisch-sozialer Beziehung kommt zum Vorschein in der Krone der jüdischen Morallehre — im messianischen ideal. Das Gericht der Propheten vom jüngsten Tag* bildet die Quintessenz der Moral. Es gibt keine Erlösung für den einzelnen allein, die sittliche Erlösung ist nicht anders denkbar als durch die Gemeinschaft J allein die Zukunft der Menschheit ist die Bürgschaft für die Existenz der moralischen Individuen. Dalier die sittliche Sehnsucht nach joner Zukunft, die im Reich der Natur übergreift. Daher die große

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