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Neue jüdische Monatshefte · 1919-02-10 · Heft 9-12 (10.2.1919) · p. Seite 229

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 9-12 (10.2.1919)
Article
Aus der Sprachgeschichte der Juden
Date
1919-02-10
Page
Seite 229 (sequence 9)
Language
German
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227 Kreuzzugszeit zum Opfer fielen. Sie haben sich zum großen Teile nach Spanien, zu einem größeren nach den deutschen Ländern gewendet, wo sie eine noch viel zahlreichere Judenschaft vorfanden, die hier seit einem Jahrtausend ansässig war. An den französischen Ursprung erinnern noch manche Familiennamen deutscher Juden wie .Wallich (Wallach, Weltseh), Plaut, Dreyfus (Trevcs, Trebitsch) und andere. Auch enthält das Jüdischdeutsche einzelne nur aus dem mittelalterlichen Französisch zu erklärende Wörter, wie die Bezeichnung der gewärmten Sabbatspe-isen. Doch hat sich das sprachliche Element wenig zu erhalten gewußt. Die deutsche Judenheit *des Mittelalters war zu zahlreich und kulturell, in ihrer Eigenart zu gefestigt, als daß die einwanddernden englischen und französischen Flüchtlinge hieran viel hätten ändern können. Als aber die große deutsche Judenschaft in den kulturell aufstrebenden letzten Jahrhunderten des Mittelalters immer stärker verfolgt, immer mehr bedrängt und endlich zum allergrößten Teile nach Osten abgedrängt wurde, da nahm sie in die neue polnische Heimat die Sprache des verlassenen Landes mit und brachte sie auch den slawisch und litauisch sprechenden nicht gar so zahlreichen Judenschaften der neuen Siedllingsländer. Die deutschen Juden hatten schon in dem Herkunftslande ihrer Sprache das Deutsche im Umgange jüdisch gefärbt. Gewiß haben sie auch die deutsche Sprache wie ihre Umgebung zu sprechen gewußt. Aber schon in der Zeit, wo sich aus dem Westgermanischen das Hochdeutsche durch die Lautverschiebung heraushob, haben Juden nicht bloß germanisch gesprochen, sondern sich auch schon hebräischer Wörter, die sich auf ihre besondere jüdische Gedanken-, und Gefühlswelt bezogen, in ihrer Umgangssprache bedient. Seit der Trennung von dem Hauptlande der deutschen Sprache ist diese jüdischdeutsche Sprache ihre eigenen Wege gegangen und hat sich noch viel stärker mit hebräischen Wörtern durchsetzt. Schon der Abschluß in eigenen Judenvierteln hatte das bewirkt. Die völlige Scheidung vom Ursprungslande beförderte die Eigenentwicklung der Sprache so stark, daß der heutige Jude der östlichen Länder sein Idiom nicht mehr als Dialekt des Deutschen empfindet, obwohl er sich bewußt ist, daß er sich durch sie mit dem Deutschen verständigen kann, sondern in ihr" eine jüdische (jiddische) Sprache sieht, die zwar dem Hebräischen als nationale Sprache nicht gleichwertig, aber doch eben eine Judensprache ist. Die Bestrebungen, die in der jiddischen Sprache eine Art von nationaler Konkurrenzspraehe gegenüber dem Hebräischen zu seilen bemüht sind, wurden künstlich hervorgerufen und haben im» Volke selbst kaum Wurzel gefaßt. Die erzwungene Abwanderung .von Millionen von Juden aus Rußland, Polen, Galizien und Rumänien hat die jüdischdeutsche (jiddische) Sprache über andere Länder getragen, vor allem nach Amerika, Südafrika und Australien. Dort hat die Mundart einen starken englischen. Einschlag erhalten und neue verschiedenartige Dialekte gebildet. Daneben ist ein starker. Übergang zur englischen Sprachsphäre zu bemerken. Daß in Amerika eine so große englische jüdisch-wissenschaftliche Literatur möglich wurde, daß dort die erste große Enzyklopädie.

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