Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Aus der Sprachgeschichte der Juden
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 227 (sequence 7)
- Language
- German
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- Tunis 1× ep/1048155
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225 Marokko und Algier, in Tunis und Palästina. Dagegen sprechen die Juden auf dem Hochlande des Dschobel Ghurian (Tripolis), die sich durch ihre Höhionwohnungen und ihr Kunstschmiedehandwerk auszeichnen, einen bisher unerforschten semitischen Judendialckt. Wie weit er als hebräisch oder arabisch anzusprechen ist, bleibt dahingestellt. So wie das Griechische die Hauptsprache der östlichen Hälfte des Römischen Reichs gewesen war, so war es das Lateinische für die Westhälfte. Die Juden, die sich zum großen Teilö schon in vorchristlicher Zeit in den hauptsächlichsten Städten dieser Reichshälfte sässig gemacht hatten, vertauschten bald ihre heimischen und früheren Dialekte*mit der lateinischen Reichssprache. Auf der iberischen Halbinsel haben sie an der Neubildung der spanischen (kastilischcn), portugiesischen und katalanischen Sprache aus dem Neulatein ihren Vollen Anteil gehabt. Als später die Araber das durch und durch'iaule westgotische Reich über den Ilaufcn rannten und den schmählich unterdrückten Juden, die Freiheit brachten, hat doch nur ein Teil der Juden auf der Halbinsel das Arabische zu seiner Muttersprache gemacht. Der größere Teil blieb der spanischen Sprache im häuslichen Umgange treu, während das Hebräische als Sprache namentlich der Poesie eine liebevolle Pflege fand. Einundeinhalbes Jahrtausend hat diese Judenschaft an der Schaffung und Pflege, an der Durchbildung und Entwicklung dieser Sprachen teilgenommen. Als aber Kastilien und Aragonien, bald darauf auch Portugal und endlich Navarra die Juden vertrieb, da mußten diese Juden, deren Zahl sich in den letzten zwei Jahrhunderten auf ungefähr ein Drittel ihrer früheren Zahl vermindert hatte, den ungastlichen Ländern für alle Zeiten den Rücken kehren und eine neue Heimat suchen. Sie fanden sie zum geringsten Teile in Holland und an den Gestaden der. Nordsee, mehr in Nordafrika, während der größte TeiL sich nach der Türkei wendete, die sich damals auf dem Höhepunkte ihrer politischen Macht befand und die auch niemals wieder die Kultur von damals erreicht'hat. Sie haben ihre.spanische Sprache beibehalten. Aber sie hat sich vom heutigen Spanisch entfernt. Altspanische Formen und < Wörter sind in ihr erhalten geblieben, die das Castellano nicht mehr hat Die Aussprache erscheint gegenüber den harten kastilischcn Lauten erweicht. Endlich sind aus der religiösen und jüdischen Sphäre viele hebräische Wörter in diese Familiensprache der spagnolischen Juden eingedrungen, die sich im allgemeinen der Raschi-Buchstaben zum Drucke ihrer Sprache bedienen, während sie für ihre Korrespondenz eine sehr flüssige Kursive haben, die in manchen Formen sogar an die älteste vor der Quadratschrift von den Hebräern benutzte Schrift erinnert. In Saloniki und Konstantinopel, in Damaskus und Jerusalem, wird .von den Nachkommen der spanischen Auswanderer diese Sprach'» gesprochen, während sogar manche arabisch-jüdische Familien, aber ebenso auch viele Rumanioten und Aschkenasim ihre ursprünglichen Mundarten aufgegeben haben, um sich diesen für eine höhere Kaste au. gesehenen Spagnolen sprachlich anzuschließen. In Nordafrika hat das Spagnolische ebenfalls das Arabische der einheimischen Juden zwar angetroffen, aber nicht zu verdrängen vermocht.