Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Aus der Sprachgeschichte der Juden
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 225 (sequence 5)
- Language
- German
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223 dauß es ein Judengriechisch in Alexandrien und der von ihm abhängigen griechischen Kulturwelt gab. Natürlich sprachen es nicht' die gebildeten sondern die niederen Volksschichten. Deshalb finden wir es nicht beim Aristeas oder Pseudo-Hekataios, auch nicht bei Philo, oder Josephus, sondern in den Schriften, die dem Kreise der geistig Armen entstammen. Dahin gehören die Schriften der neutestamentlichen Literatur. Was man neutestamentliches Griechisch nennt, ist in Wahrheit eine bestimmte Äußerung von Judengriechisch. Schon .viel früher haben die Juden in anderen Ländern sich der Landessprache angeschlossen. Aus dem Buche Esther sehen wir, daß Haman den Juden alle.möglichen Vorwürfe macht, daß et sie genau an ihren Gesetzen und Bräuchen, nicht aber an ihrer Sprache erkennbar zu bezeichnen weiß. Ihre Zahl war dabei so groß, daß nach demselben biblischen Buche bei Bekanntwerden der hamanschen Dekrete .die Residenzstadt Schuschan (Susa) verwirrt war. Nach dem Umschwünge freut sieh die Stadt Schuschan. Das heißt, ein sehr erheblicher Teil ihrer Einwohnerschaft gehörte zu Jehudas Stamme. Sie sprachen persisch und gebürdeten «ich als Perser. Esther verrät vors erste ihre Herkunft nicht. Erst als Mordechai, der uns als jüdisch-selbstbewußter Mann entgegentritt, als Minister zur Macht kommt, da sendet er seine Judendekrete an alle Völker des Reiches in ihrer Sprache und „an die Juden in ihrer Sprache". Die große Zahl der Juden in Persien hat mannigfache Geschicke durchgemacht. In späteren Jahrhunderten haben sie unter sassanidichen und noch später unter, schiitischen Fanatikern bitteres Leid auszustehen gehabt. Mehr als einmal wurden sie religiös unterdrückt, oft genug vertrieben. Im nördlich gelegenen Turan und in westlichen Provinzen des himmlischen Reichs der Mitte fanden sie eine Zuflucht. Sie nahmen die persische Sprache dorthin mit. Aber sie verbanden sie allmählich mit dem Hebräischen ihrer Tora und ihrer Gebete. In der Vereinsamung behielten sie alte und altertümliche Wörter und Formen bei. die sonst im Persischen verschwunden sind. Darin steht ihrer Mundart das Persiche in Indien am nächsten. In dieser judenpersischen Sprache, die vor allem die Juden in Buchara in einer sartischen Umgebung als besondere Judensprachc reden, haben sie eine jüdische Literatur hervorgebracht, die unter anderm auch manchen Rückschluß a.uf ältere Formen des Persischen zuläßt, als sie sonst möglich sind. Daneben gibt es auch zum Neupersischen gehörige Judendialekte in Persien selbst, die im allgemeinen als Teheran! und Kaschani unterschieden werden. Diese stehen der modernen Schriftsprache viel näher, verleugnen aber doch ihren besonderen jüdischen Klang nicht und haben ebenfalls aus der Gedanken- und Gefühlswelt des jüdischen Volkes viele hebräische Wörter aufgenommen. - f Sogar hi die Synagoge hat das Persische dieser Juden .seinen Weg gefunden. Die Megillath Esther wird am Purimfcst nicht bloß hebräisch, sondern auch in einem altertümlichen persischen Texte zur Verlesung, gebracht. Damit begegnet sich diese persische Judenschaft mit der ruiuaniotischen. Judenbevölkerung in griechischen Städten, vor allen