Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Das Werk Moses und seine Geschichte
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 220 (sequence 20)
- Language
- German
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'216 Aus solchen Seelenkämpfen, wie sie der. Dichter von Hiobs Klage imd der Sänger des 73. Psalms auf Grund von persönlichen Erlebnissen geschildert haben, die ihr geistiges Leben bis zur Verzweiflung an Gott und Welt erschütterten, ist aber noch eine höhere Glaubenserkenntnis geboren worden: die beseligende innere Erfahrung, daß den Frommen auch der Tod nicht zu trennen vermag von der Gemeinschaft mit dem Gott der Gnade und Liebe. Die persönliche Unsterblichkeitshoffnung — nicht zu verwechseln mit der sinnlich orientierten Auferstehungshoffnung des späteren Judentums — ist der letzte und höchste Trumpf, den die sittliche in Gott gebundene Persönlichkeit gegen alle Widerstände des Lebens ausspielte. Durch ihn sicherte sie sich ihr Recht auf innere Freiheit gegenüber den Mächten des bloß Sinnlichen und gegenüber den die geistig-sittliche Gottesidee scheinbar widerlegenden Lebenserfahrungen. Niemand, der nur einen Rest von Empfänglichkeit für die weihevolle Stimmung besitzt, die der dichterische Ausdruck heiliger Freude über Momente innigsten Gotterlebens zu erzeugen vermag, kann die Gefühle und Gedanken des Dichters des 73. Psalms ohne tiefe Ergriffenheit lesen. Das Bekenntnis dieses einsamen Frommen zu dem höchsten Gute der persönlichen Gemeinschaft mit dem heiligen Gott, gegen das alle irdischen Güter wertlos sind, und seine auf dieser religiösen Erfahrung aufgebaute unerschütterlicheüberzeugwng, daß dies höchste geistige Gut den Menschen über diese Vergänglichkeit hinaus in die Ewigkeit trägt., bezeichnet den Höhepunkt der religiösen Aufwärtsbewegung im Alten Testament. Der Ausblick von der einsamen Höhe dieses Gotterlebens, zu dem die prophetischen Kräfte der alttest. Religion fromme Menschen emporgetragen haben, zeigt uns ein weites Land mit mannigfachen Formen des religiösen Lebens. In den Niederungen lodern die Opferbrände einer innerlich längst überwundenen Kultreligion und Tausende von Menschen mühen sich im freudigen Gehorsam gegen oft schwere Satzungen um die Gnade Gottes über sein auserwähltes und zum Höchsten in der Welt berufenes Volk. Wir erblicken aber auch Stätten des Gottesdienstes, wo man Herz und Hände zum Himmel emporhebt mit frommen Liedern und freudigem Bekenntnis zu dem gerechten Richter Israels, der einem jeden, Heiden und Juden, vergilt nach seinem Tun; und dann wiederum sehen wir Stätten, wo jung'und.alt den Lehrensweiser Männer lauscht, um von ihnen zu lernen., wie man Gott dient im sittlichen Wandel nach den Geboten des Gesetzes und so gerüstet wird zum Leben in einer verkehrten Weit, wo auf allen Wegen Gefahren für den Frommen lauern. Fragen wir aber zum Schluß nach dem Gemeinsamen aller dieser Äußerungen des religiösen Lebens im Judentum der vorchristlichen Zeit, so werden wir es in zwei Grundkräften zu sehen haben: in dem starken Theismus dieser weltbejahenden Religion und in der sittlichen Durchdringung der sie beherrschenden universalen Gottesidee. Daß Gott ist und daß er allein in der Welt wirkt zur Durchsetzung höchster sittlicher Zwecke — das ist das Fundament des jüdischen religiösen Lebfens jeder Form, und Art gewesen. Und dieser