Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Das Werk Moses und seine Geschichte
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 219 (sequence 19)
- Language
- German
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217 'gegen die Gefahr, die der Religion von der Vorherrschaft des Kultisch - Rituellen mit seiner Neigung zur bloßen Form und zum opus operatum drohte. d) Dir Religion als Kampf um Gott und die persönliche Heils gewißheit Heitere religiöse Ruhe und sittliche Selbstzufriedenheit ist das Kennzeichen dieses eudämonistisehen tMoralismus,, von dem auch die kindlich fröhliche Gewißheit Gottes vieler Psalmensänger Zeugnis ablegt Von dieser optimistischen Religiosität hebt sich scharf die ernste Frömmigkeit jener kleinsten Kreise ab, für die der Gottesglaube nicht ein schönes Erbstück war. das ein Geschlecht dem anderen als sicheren [iesitz vennachte, sondern ein persönlicher Besitz.der im Kampfe mit den Widerständen der Weiterfahrung und dem Bösen im eigenen Herzen immer wieder neu gewonnen werden muß. x Der Kampf dieser einsamen Seelen in einer kirchlichen Gemeinschaft, deren, religiöses Grundgefühl noch immer kollektivistisch, nämlich völkisch und politisch bestimmt war, weil dem Glauben als Ziel der geschichtlichen Entwicklung das neue Volk Israel der davidisch-messianischen Herrlichkeit vorschwebte, entflammte an dem zum Dogma erstarrten individuellen Vergeltungsglauben. Das sittliche Gewissen wahrhaft frommer und reiner Menschen mußte früher oder später gegen die Unwahrheit desselben reagieren. Die große Wirklichkeit des Lebens zeugte zu laut dagegen. Es ist nicht wahr, daß Sünde und Leid, Schuld und Schicksal immer und überall in göttlich geordnetem Kausalzusammenhang stehen. Im Gegenteil, das Leben in der jüdischen religiösen Gemeinschaft zeitigte, wie uns intime Schilderungen mancher Psalmen beweisen, Erscheinungen, die als ein Hohn auf jenes vermeintlich unverbrüchliche Gesetz der allzeit erfahrbaren göttlichen Vergeltung empfunden werden mußten. Den Guten und Frommen ging es oft gerade wegen ihrer sittlichen Frömmigkeit und ihres unbedingten Gottvertrauens schlecht, aber die Kinder der Welt standen in Macht und Ehren und spotteten der frommen Einfalt. Da wollte es Nacht werden vor den Augen jener Gutan und Stillen. Aber das gewaltige „Dennoch" des Glaubens überwand die Welt mit ihren schweren Erschütterungen des. kindlichen Optimismus. In herzzerreißenden Monologen, in denen er sein Recht auf Klage gegen den Gott der Willkür und blinden Gewaltherrschaft verteidigt, reinigt Hiob seine Frömmigkeit von den letzten Schlacken falscher Lebensbetrachtung und ftottesvorstellung und findet in heißem Gebetsringen den wahren Gott, dessea Gnade und Liebe ihn tröstet auch dann, wenn es um ihn stürmt und nachtet. Das sittliche Gewissen, auf das er sieh zurückzieht und das er gegen alle Einwendungen der kirchlich-dogmatischen Glaubenssätze der Freunde siegreich behauptet, läßt ihn die Gemeinschaft mit Gott auch im tiefsten Leid erleben, und der Gedanke an die Geheimnisse von Gottes Walten im Reiche der Natur macht ihn bescheiden gegenüber dem Wunsch, die schwereren Probleme des geistig-sittlichen Leben« restlos lösen zu können.