Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Das Werk Moses und seine Geschichte
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 217 (sequence 17)
- Language
- German
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215 Opferdienst mit^seinen Zeremonien und seiner Sinnlichkeit dem Wesen Gottes widerspricht. Worte wie Hos. 6, 0 und Micha 6, 4 sind die Marksteine in dem Aufstieg zum geistigen Gottesdienst. Jeremias hat diesem Gefühle des inneren Widerspruchs zwischen kultischem Handeln und der Erkenntnis von Gottes geistigem Wesen Ausdruck gegeben, wenn er von dem heiligsten Kultrequisit der alten Volksreligion, der heiligen Lade im Adyton des Tempels sagt, daß in Zukunft kein Mensch mehr nach dieser sinnlichen Repräsentanz der göttlichen Gegenwart im Tempel fragen wird. Der 2. Jcsaja krönt seine leidenschaftliche Polemik gegen den Unverstand des heidnischen Bilderkults mit dem Appell an das vernünftige Denken des Menschen, das ihn davon abhalten sollte, die heilige Majestät der allgegenwärtigen und allwirksamen Gottheit mit Opferbräuchen zu verehren: „Der Libanon reicht nicht hin zum. Brande und sein Getier nicht hin zum Opfer1' (40, 16). Und nun mehren Mich die Stimmen der Frommen, die bald lauter, bald leiser gegen den von den Urvätern überkommenen-materiellen Kult des geistig-sittlichen Gottes Israel protestieren, am lautesten der Dichter des 50. Psalm, der mit dem sittlichen Pathos der alten Prophetie gegen das widerliche Zerrbild einer Gottesverehrung mit blutigen Opferzeremonien eifert, als brauchte Gott davs Fleisch von Stieren und das Blut von Böcken! Opfer des Gebets in Lob und Dank sind nach ihm die Gaben, die der sittlich heilige Gott von seinen Verehrern begehrt, ein demütiger Sinn und ein reuiges Herz, wie es Ps. 51, 19 heißt. Aber diese Höhe der Gottes er kenntnis haben gewiß nur wenige Fromme erreicht, deren religiösem Leben der Adel prophetischer Frömmigkeit aufgeprägt war. Die größere Menge hat an der kultischen Überlieferung als articulus stantis et cadentis ecclesiae festgehalten und höchstens alle grobsinnlichen Vorstellungen von der Wirkungskraft der blutigen und unblutigen Opfer und von dem ganzen Tempelwesen abgelohnt, «) D i c K e 1 i g i u n u 1 s r a t i o n a I e T u g e n d 1 e h r e Kultus und Ritus sind das eine Zentrum gewesen, um das sich das religiöse Gefühl und Vorstellen des älteren Judentums bewegt hat: das andere war der individualistische Vergcltungsglaube, die Giaubensüberzeugung, daß alles Tun des Menschen vor Gottes Gericht kommt in Lohn und Strafe. Ezechiel hatte für ihn in seelsorgcrlicliem Interesse geeifert gegenüber den deprimierenden Wirkungen des alten volkstümlichen Vergeltungsglaubens, der auf dem alten geschichtlich - rechtlichen Kollektivismus in Strafe und Sühne beruhte, und er hatte ihn innerhalb seiner religiösen Theorie auf eine. glatte theologische Formel gebracht: jede Seele leidet Strafe für ihr« oigeno Sünde und: dem Guten geht es gut und dem Sünder schlecht. Diese durch die prophetische Autorität zu festen Glaubenssätzen 'erhobene religiös-ethische Lebenstheorie grillen die Weisheit«- 1 ehr e r der späteren Zeit auf und haben sie in das feste Gefügo ihrer ,.m o r a 1 i s t i s e h -1 e h r h a f t e n Fr ö m m i g k e i t eingestellt. Diese