Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Das Werk Moses und seine Geschichte
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 206 (sequence 6)
- Language
- German
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204 + Die Moseoffenbarung ist also die Geburtsstunde des ethischen und universalen Monotheismus, .in dessen Zentrum die Reichgottesidee steht. Diese höchsten geistigen Besitztümer der Menschheit sind, nicht das Ergebnis eines „natürlichen" Entwicklungsprozesses in mechanistischevolutionistischem Sinne gewesen, sie beruhen auch weder auf religiösen noch auf philosophischen Spekulationen, sondern, auf dem Geheimnis des Gotterlebens in einer großen Persönlichkeit, das zwar geschichtlich zum Verständnis gebracht werden kann, aber im letzten unergründlich bleibt. „Zwischen der vormosaischen JHVH-Yorstellung und dem Inhalt des Alten Testaments liegt das Geheimnis des prophetischen Erlebnisses-" (Söderblom.) II. Der Kampf um den geistigen Inhalt der Religion Israels Wir haben bist jetzt nur die Höhen des religiösen Lebens der hebräischen Stämme, die Mose um den Glauben an den Weltgott JHVH scharte, kennen gelernt. Jetzt müssen wir in seine Niederungen steigen, um .zu erforschen, was dort, unter der Oberströmung geistiger Gotteserkenntnis verborgen, an Mächten lebendig war, um diese dunklen Triebkräfte nach ihrem Wesen und ihrer Bedeutung für die Zukunft der mosaischen Religionsstiftung zu erkennen. Denn das ist ein Gesetz der Religionsgeschichte, daß jede religiöse Aufwärtsbewegung;, die durch das überwältigende Erlebnis einer großen Persönlichkeit herbeigeführt wird, bei ihrem Eintritt in die Seelen der Menschen, mit tausend unsichtbaren Fäden verbunden bleibt mit dem religiösen Boden, von dem sie sich losgelöst hat Für die Masse der Bekennerschaft, die sich um das neue religiöse Ideal des Stifters schart, bleiben die dunklen Mächte und Kräfte, die vorher bewußt oder unbewußt ein Stück ihres geistigen Lebens waren, als Gefühl, Vorstellen und Handeln bestimmende Faktoren in Geltung. Alle Geschichtsreligionen stehen unter dem Zwange des Kompromisses zwischen dem neuen Ideal und der religiösen Vergangenheit seiner Anhänger, und darum gibt es in ihnen von Anfang an neben der geistigen Ncuschöpfung des Offenbarungsträgers eine Religion zweiter Ordnung. Die G eechichtsreligion lebt auch in ihrer weiteren Entwicklung nur von Kompromissen. So hat es neben dem Evangelium Jesu und der Verkündigung seiner Apostel von Anfang an ein „Christentum zweiter - Ordnung" gegeben, ja die Verkündigung der Apostel ist zum Teil schon selbst ein „Christentum zweiter Ordnung". Und ihr folgte dann die Hellenisierung des Evangeliums bei seinem Zuge durch die alte WeLt. Sohat nun auch neben der von Mose gestifteten prophetischen JHVH- Eeligion von Anfang an ein JHVH-Glaube und ein JHVH- Ku 11 zweiter Ordnung gestanden. ' Wodurch wird^ dieser Glaube und dieser Kult, der den wesentlichen Inhalt der israelitischen Volksreligion ausmacht, bestinmt?