Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Georg Simmel als jüdischer Denker
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 199 (sequence 2)
- Language
- German
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191 nicht wie Spinoza, die ehernen Gesetze der menschlichen Psychologie oder wio Marx die des Wirtschaftslebens oder wie Hermann Cohen die der Ethik zu ergründen und zu stabilisieren. Das normative Element scheint bei ihm atrophiert zu sein (erst am Ende seines Lebens erblickte er die „Krisis der modernen Kultur" in der Auflösung aller Gesetze, in der Vorherrschaft des Expressionismus und betonte, daß der Klassizismus, im weitesten Sinne des Wortes, kein überwundener Standpunkt, sondern ein für allo Kulturgebieto unabweisbares und cwiggtiltige3 Postulat harmonischer, in sich geschlossener Formen darstellt). Um 80 stärker-war dafür in ihm der,andere Erbteil des jüdischen Geistes — die Dialektik — verkörpert. Und wenn Andersgesinnte oder Gegner, wenn die Heidelberger Philosophenfakultät ihn als Ordinariatskandidat wegen des „Unpositiven" an ihm ablehnte, so meinten*sie* im Grunde , genommen eben diese Dialektik. Diese bewirkte, daß selbst dort, v/o er an normative Gegenstände herantrat, wie in der „Einleitung in die Moralwissens eh aft" oder in seinen Vorlesungen übor Ethik das normative Element gegenüber dem logischen und erkenntnistheoretischen nachgerade in Hintergrund trat. Sie bewirkte dort-, wo er an geschichtliche Gegenstände herantrat, wie in „Goethe" oder „Rembrandtu, das Gleiche hinsichtlich des Gegenständlichen, Stofflichen, des Tatsachenmaterials, t ja sie operierte teilweise, wie Frischeisen-Köhler sich in seinem Nachruf auf Simmel ausdrückte, mit Tatsachen, die „möglich sein können". Aber andererseits befähigte sie ihn zu bis dahin unerhörten geistigen Leistungen. Sie wandelte sich nicht nur, wie bei Hegel oder Marx, an großen Zusammenhängen ab, sondern drang, mit einer Allgegenwärtigkeit, in der sein höchst Eigenes lag, gepaart, selbst in die kleinsten und konkretesten Dinge und Zusammenhänge ein (er nannte das selbst, uach Analogie der Naturwissenschaften, die mikroskopische Methode, die er der bisherigen makroskopischen entgegenstellen wollte und der er natürlich zugunsten der letzteren oft selber untreu wurde) — eine , Kunst, die er zuerst in der „Sozialen Differenzierung" und später in der ..Soziologie" übte. Sie "befähigte ihm! zu verblüffenden GleichnisS&l und Analogien, zur assoziativen Verbindung entlegenster Dinge und Gebiete, dio oft nur als dialektisches Spiel erschien und auch nicht mehr als das war, oft aber (wie besonders in der erwähnten „Krisis der modernen Kultur") Verwandtschaftserscheinungen auf verschiedenen Kulturbereichen frappierend aufdeckte. Nicht anders denn als Ausfluß der Dialektik kann man auch jene Symbolik auffassen, die er nicht nur in seine philosophischen, sondern auch in seine soziologischen, kultur- und kunstgeschichtlichen Untersuchungen hineinlegte. In der „Philosophie des Geldes" (wie bezeichnend ist schon der Titel!) wurde ihm das Geld zum Symbol des Weitaustausches, des Aufeinander-Bezogenseins der Dinge überhaupt; „Schopenhauer und Nietzsche" verkörperten ihm in ihrer Philosophie die Reaktion gegen das zu kompliziert gewordene Leben, das Streben nach einem einfachen, großen Ziel als Lösung dieses vorwickelten Lebensknotens; „Goethe" ward ihm ein Fleisch und Blut gewordenes Leben selbst in dem ganzen Reichtum seiner inneren Dialektik, in der Gleich-