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Neue jüdische Monatshefte · 1919-02-10 · Heft 9-12 (10.2.1919) · p. Seite 200

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 9-12 (10.2.1919)
Article
Georg Simmel als jüdischer Denker
Date
1919-02-10
Page
Seite 200 (sequence 3)
Language
German
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•198 zeitigkeit seiner Widersprüche und ihrer harmonischen Umfassung. „Rembr&ndt"s Kunst gleicherweise der Ausdruck des .ewigen Flusses, des ewigen Übergangs des Lebens. Diese Symbolik, die nicht* sowohl die ideelle „Ausdeutung" der. Dinge, wie Karl Joel sie bezeichnet, als vielmehr die Hinoindeutung von Ideen in Dinge und Menschen darstellt, mußte sich in diesem ihren Charakter naturgemäß bei der Kunst am meisten offenbaren. Es mutet einen, nach der -vielfach aufgestellten Behauptung, daß den Juden ein wahres Kunstverständnis abgeht, an. als wollte Simmel unbewußt diese Behauptung Lügen strafen. Und doch muß man, nach dem eben Gesagten, Frischeisen-Köhler wohl recht geben, wenn er in Simmel die „Instinktsicherheit des wahrhaft künstlerischen Menschen" vermißt. Die Hineindeutung ideeller Inhalte in die Werke der Kunst kann wohl hie und da mit der Intuition zusammenfallen und das Richtige treffen, sie ist von ihr sonst grundverschieden und der gerade Gegensatz von einer unmittelbaren Hingabe an einen künstlerischen Eindruck. — Alle die oben geschilderten Grundeigentümlichkeiten des Simmelschen Denkens aber: die Dialektik, der Überreichtum assoziativer Verbindungen, die Symbolik, muten uns aber wie alte, uralte Bekannte an. Kein Wunder! Denn sie begegnen uns seit den Anfängen der nachbiblischen Gesetzesinterpretation in der ganzen seitherigen juristisch«*!), theologischen und theosophischen Literatur der Juden, im besonderen Maße freilich inNdem „Meere des Talmuds" verbreitet, wo; die Dialektik sich in der Entwicklung des Inhalts des knappen Gesetzes und in dem polemischen Streite um die Gesetzesauslegung übt? die Ideenassoziation in der Exegese, die Symbolik in der Umdeutung der Dinge der sichtbaren Welt zu ideellen und göttlichen Zeichen zutage tritt. Und diese Verwandtschaft der Denkmethoden ist nur naturgemäß: denn in beiden Fällen handelt es sich um ein in sich kreisendes, ausschließlich aus sich heraus schöpferisches Denken. Wie bezeichnend ist'aber auch ein anderes, unwillkürliches Zusammentreffen!: Karl Joel hebt von Simmel frervor, daß* er „alle/ Substanzen in Funktionen aufgelöst", daß er überall, zwischen den Menschen-wie; zwischen den Dingen,' stets und vor allem die „Beziehungen11 sah, daß „die Beziehung-ilyn zur allumfassenden Weltmacht wuchs und er recht eigentlich der Philosoph der Relativität ward"; und Martin Buber charakterisiert in folgenden meisterhaften Yvorton das jüdische Denken überhaupt: „Dc'n vom Subjekte unabhängigen Gegenständen unendlich fremd, nur für die den Funktionen des Subjekts unterworfenen Gegenständen verständnisvoll, existiert der Jude weniger in Substanz als in Relation. Er hat den höchsten Sinn für die allgemeinen und offenbaren, wie für die heimlichen und bc- . sonderen. Beziehungen des Kosmos und der Psyche und weiß sie in mathematischen Formeln und in logischen Definitionen festzulegen oder in Rhythmen und Melodien auf das Meer der Ewigkeit auszuschickend

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