Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Georg Simmel als jüdischer Denker
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 198 (sequence 1)
- Language
- German
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196 . GfOTg Simmcl als jüdisdier Denker Von Dr. Elias Hur wie z, Berlin. {J^^immel alä jüdischer Denker — was für ein reizvolles Thema! ^}>i Zwar zunächst etwas unwahrscheinlich: dieser ganz individuelle, C-i^O ganz moderne, ganz europäische Denker — ein jüdischer Denker! Und doch offenbart sich bei näherem Zusehen der Zusammenhang mit dem Volksstamm, ein Zusammenhang und ein Volks stamm, deren der Dissident Simmel selbst nie oder nur ganz nebenher, ganz beiläufig gedacht hat. Übrigens nicht nur bei näherem Zusehen: es genügte schon ein' Blick von weitem auf das Katheder, auf dem er stand, auf das bewegte Gestenspiel, das seinen Vortrag begleitete und gleichsam die Aktion, des Denkens selbst ausdrückte, um dieses Zusammenhangs zu gedenken. Es war; zwar nicht das Hin- und Her-sich-Schaukeln des Ostjuden, aber doch ein, wie Karl Joel sagt, „überbewegliches Suchen und Ausgreifen", das jenem seelisch und physich unverkennbar verwandt war. Und daß Simmel Dissident blieft, daß er nicht völlig zum Christentum tiberging, zeigt doch, daß er, wenigstens instinktiv, seinen Zusammenhang mit dem Judentum fühlte, ihn nicht brechen wollte, ihn in seiner begründeten Selbstschätzung auch nicht zu brechen brauchte. Dieser Zusammenhang geht aber tiefer als er ihn selbst dunkel empfunden haben mag und als ihn andere bisher ausgesprochen haben. Er ist geistiger, exakt ausgedrückt, erkenntnistheoretischer Natur selbst. Ja noch mehr: ohne das Individuelle, das Moderne, das Europäische an ihm zu verkennen, jene geistigen Stammeseigentümlichkeiten. und ihre Anwendung auf die modernen, und europäischen Probleme haben nicht zum geringsten Teil den eigentümlichen Reiz seines Denkens und Philosophierens selbst bedingt. Und hier steht vor uns die Frage auf: wie ist ein solcher Zusammenhang möglich? Wir negieren hier eine mystische „Stimme des Blutes41; und die Richtigkeit der Behauptung einer seit Jahrhunderten fortgehenden Vererbung geistiger Eigentümlichkeiten können wir, nach dem Stande unseres jetzigen Wissens, nicht nachprüfen noch nachweisen. Der Bubersche Satz von einem organischen, dem Juden allerdings seit je her und bis auf die Gegenwart innewohnenden Übergewicht des Denk-, besonders des Abstraktionsvermögens, über dem Änschauungsvermögen mag wohl eine wahrscheinliche Hypothese sein, Die Fortwirkung gewisser Denkeigentümlichkeiten durch eine lange Geschlechterreihe hindurch erklärt sich positiver durch die wesentliche Fortwirkung derselben Existenzbedingungen in verschiedenen Generationen: trotz aller Gleichberechtigung und „Assimilation" sind die Juden in Wahrheit auch jetzt noch' nicht assimiliert: sie bilden in ihrer Lage und in ihrem Wesen, trotz vielem Gemeinschaftlichen mit ihrer Umgebung," eine eigenartige Gruppe, eine Gruppe, die in ihrer Umgebung teilnehmend und zugleich objektiv beobachtend lebt und (außer erkennbaren Eigentümlichkeiten) irgendwo tief innerlich ein eigenes Imponderabile mitträgt Vergleichen wir Simmel mit anderen hervorragenden Geistern des Judentums, so fällt ims gleich ein Unterschied ins Auge. Er suchte