Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Das Galuthproblem und der Zionismus
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 195 (sequence 13)
- Language
- German
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193 der sehe sich die Forderungen an, welche die einzelnen nationaljüdischen Vertretungen in den alten österreichisch-ungarischen Landen, in Polen und Rußland, in Litauen und in der Ukraine, formuliert haben. Von'der Forderung der national-personalen Autonomie für die jüdische Bevölkerung aller Länder (Forderung der Litauer Nationaljuden) bis , zu dem. sanften Verlangen der Selbstverwaltung in i n n e r jüdischen Dingen (Jüdischer Nationalrat von Tschecho-Slowakien) finden wir die verschiedensten Formulierungen. Die meisten versuchen den speziellen Bedingungen ihres Landes Rechnung zu tragen. Auch für uns in Deutschland ist es Zeit, ein den Verhältnissen des Landes angepaßtes Programm der zionistischen Forderungen zu schaffen, das uns einen Modus vivendi finden läßt mit Staat und Gesellschaft und endlich, — nicht das Unwichtigste — mit den großen Organisationen der deutschen Juden. . Es ist ganz selbstverständlich, daß wir an die Spitze aller unserer Forderungen stellen das Verlangen, nach der Anerkennung des jüdischen Volkes, der jüdischen Nation als den Ausdruck der Zusam menge h ör ig ke i t der Juden, aller Länder nach B1 u t - gemeinschaft und Religion, Der moderne Staat kann diesem Yerlangen nicht widerstreben, weil das Recht der freien Persönlichkeit, das nationale oder religiöse Bekenntnis irgend eines seiner Bürger außerhalb der Sphäre dessen fällt, was als Voraussetzung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung verlangt werden kann. Dem Staate muß und soll es gleichgültig sein, ob wir Juden uns Volk nennen oder Religion. Mit der Gesellschaft, mit allen unseren deutschen Mitbürgern werden wir uns auf dem Boden von Wahrheit und Klarheit verständigen. Wir werden ihnen begreiflich machen, daß das Bekenntnis zum jüdischen Volke, die Zugehörigkeit zu einer artfremden Gemeinschaft dem Blute nach gewiß mancherlei Eigentümlichkeiten für uns bedingt, die ihnen fremd erscheinen und deren Äußerungen sie als andersgeartet empfinden. Aber sie sollen bissen, daß wenn wir auch nicht dasselbe sind wie sie, daß wir doch mit ihnen, wie Arnold Zweig es formuliert hat, dasselbe wollen. Wir fühlen uns mit ihnen geeint durch eine vielhundertjährige gemeinsame, historische, politische, soziale und kulturelle Entwicklung, wir wollen mit ihnen gemeinsam mitarbeiten an der geistigen und materiellen Förderung des Landes, das wir Höben und das uns die Heimat geworden ist. Wir bilden mit ihnen eine Wi 11 e n s - und eine Schicksalsgemeinschaft. Denn des Deutschen Reiches Schicksal ist mit dem unsrigen aufs engste verknüpft. Sein Glück und Wohlergehen ist das unsrige, sem Unglück und seine Not trifft uns ebenso wie alle Deutschen. Das ist die Voraussetzung für eine gegenseitige Achtung und für die notwendige Verständigung, die uns die Gleichberechtigung nicht länger wird versagen können. Sie sollen wissen, daß das Zugeständnis fremder Art und fremden Blutes uns zu mancherlei Zurückhaltung führen wird, die von uns nicht immer geübt worden ist. Wir halten es nicht für würdelos, ihnen zu sagen, daß das Amt angemaßter, nicht durch das Vertrauen der großen Mehrheit des Volkes getragener Führerschaft in politischen