Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Das Galuthproblem und der Zionismus
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 192 (sequence 10)
- Language
- German
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iSO Diesem Standpunkt, dör auch oft von verantwortungsvoller Stelle im Zionismus vertreten und propagiert wird, halte .ich entgegen, was Ca!vary einmal geschrieben hat: „Man erfaßt den Sinn unseres Lebens nicht, wenn man den Einwand von der Unvereinbarkeit des Deuschtums -und Judentums durch die Tatsache zurückweisen wollte, daß wir Zionisten ja gute deutsche Staatsbürger seien. Man ist verflucht wenig, wenn man nur ein guter Staatsbürger ist und sonst nichts. Es mag einzelne Juden geben, die an die Bedeutung der deutschen Kultur für ihr eigenes Dasein nicht glauben. Sie werden sich über einen Widerspruch zwischen Deutschtum und Judentum leichten Herzens hinwegsetzen. Durchdrungen, erschüttert davon, wie weit die deutsch-europäische Welle uns aus der Tiefe eigensten Daseins herausgeschleudert hat, predigen sie die Abkehr vom Deutschtum und weisen uns zurück auf die Welt, die das Judentum aus sich) heraus erzeugt hat." Die so sprechen, scheinen zu glauben,' daß wir Juden innerhalb der -Völker des Galuth ein geistiges Sonderleben führen, daß wir nicht teilnehmen an ihren Gedanken und Gefühlen, daß wir mit ihnen innerlich nichts gemein haben und daher unsere Beziehungen zu ihnen einzig auf das Gebiet der rein äußerlichen Staatsbürgerpflicht beschränken. Das Galuth wäre unerträglich, wenn es wirklich sich so verhielte. Denn solche Anschauungen würden selbst im freiesten Staate unsere Gleichberechtigung unmöglich machen. Der demokratische sozialistische Staat wird gewiß keinen Unterschied zwischen den einzelnen Bürgern des .Staates machen können. Aber die Gleichberechtigung, welche wir fordern, wird uns im parlamentarisch regierten Gemeinwesen nur die politische Partei verschaffen können. Wählt sie den Juden zu ihrem Vertrauensmann und schlägt sie ihn als solchen für ihre Vortretung in Staat und Verwaltung vor, so wird der Staat ihren Vorschlag nicht zurückweisen können. Wird sie aber zu ihrem Vertrauensmann den # Juden wählen, der ihr erklärt, daß ihn nur die rein äußerliche Staatsbürgerpflicht mit dem Lande, in dem er lebt, verbindet, daß er aber innerlich keinen Teil habe an seinem kulturellen und geistigen Leben? Wir hätten von der Partei, von der Gesellschaft, die Verweigerung unserer staatsbürgerlichen Gleichberechtigung zu erwarten, ' wenn wir ihr nicht zeigen könnten, daß tief innerliche Beziehungen' uns mit den Völkern des Galuth verbinden. Denn .es wäre um die Forderung der vollen staatsbürgerlichen Rechte der Juden schlecht bestellt, wollten und könnten wir den Völkern, unter denen wir leben, nicht die Überzeugung verschaffen, daß uns mit ihnen die j a h r h u n d e r t e 1 a n g^e gemeinsame historische, politische, soziale und kulturelle Entwicklung auf das engste verknüpft hält Sie müssen fühlen, daß wir gemeinsam mit ihnen den materiellen und geistigen Fortschrittdes Landes wollen, wo wir seit Jahrhunderten eine Heimat gefunden haben, die wir lieben. Alle Kulturgüter, die Deutschland geschaffen hat, sie sind uns in Fleisch und Blut übergegangen. Seine Dichter und Denker sind es, die uns begeistern, wir leben und atmen in dem Geiste und in der Bildung des deutschen Volkes, wir sind Kultur deutsche, Kultur-