Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Das Galuthproblem und der Zionismus
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 191 (sequence 9)
- Language
- German
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169 überbrückbare Kluft gähnt zwischen uns und euch, euer Geist ist uns fremd, fremd sind uns eure nationalen Strebungen, Sehnsüchte, Hoffnungen. Wir arbeiten an der Entwurzelung aus dem fremden Volkstum und fremden Lande, arbeiten an der Verwurzelung im Eigenen, an unserer Wiederverpflanzung in die Heimat. Wir sind bereit, alle gegerechten Nachteile dieser Sonderlage eines Volkes in der Fremde mit Würde zu tragen, um die nationalen Grenzen unseres Andersseins nicht verwischen zu lassen," Nicht , ganz so weitgehende Schlüsse aus der Artverschiedenlieit von Deutschtum und Judentum zieht Erich Cohn. Er hält es für einen, Fehler, wenn Juden sich als Wortführer und Handelnde in die Verhältnisse unseres Wirtsvolkcs einmischen. „Juden gehören auf keinen Posten, der mit Fähigkeiten und Anstand allein nicht ausgefüllt werden kann, sondern dessen Ausfüllung die Verwurzelung im deutschen Boden zur Voraussetzung hat, weil man von ihm aus schöpferisch ins autonome deutsche Leben eingreifen muß!" Solche Anschauungen sind der Tod für jede Form von Gleichberechtigung im Staate, wie sie das Kopenhagener Programm fordert. Sie sind nicht einmal möglich in den Ländern mit vollkommen nationaler Autonomie der Juden. Denn diis wird ja wohl auch der Staat verlangen dürfen, der einzelnen Teilen seiner Bewohner das nationale Selbstbestimmungsrecht im Rahmen der Staatsgrenzen überläßt, daß diesem seinem autonomen Bestandteil „die Landesgrenzen auch die seinigen sind", daß er nicht erklärt, „eure Grenzstreitigkeiten sind nicht die imsrigen, fremd sind uns eure nationalen Strebungen, Sehnsucht und Hoffnungen". Für solche Anschauungen ist in keinem Staate Raum. Wer so denkt, der muß die Konsequenz ziehen, daß er nur in Palästina leben kann. Er soll diese Konsequenz ziehen, soll aber darauf verzichten, seine. Aufassungen der Judenfrage zu propagieren, denn er vermag diejenigen, die er entwurzelt, nicht in neues Erdreich zu verwurzeln, weil er das Galut nicht durch Palästina beseitigen kann. Er vernichtet die Lebensmöglichkeiten der Juden im Galuth, das sollte er bedenken. Die Parteileitung der zionistischen Partei Deutschlands hat diese Anschauungen denn auch zurückgewiesen, weil sie weiß, daß damit unsere Stellung als gleichberechtigte Staatsbürger überall unmöglich gemacht wird und weil sie ferner weiß, daß der Zionismus niemals zu diesen Konsequenzen der Lösung des Gallith pro blems führen kann und führen darf. Der Ausgleich, den sich andere Zionisten für das Galuth denken*, lautetetwa so: wir sind ein jüdisches Volk. Unsere kulturellen und ideellen Interessen weisen uns ausschließlich auf Palästina hin, wir sind unseren Neigungen und Gefühlen nach in erster Linie Juden. 'Der'Staat kann von uns nicht mehr verlangen, als daß wir unsere Pflichten gegen ihn erfüllen, auf weiteres hat er kein Recht. Der sozialistisch-demokratische Staat insbesondere hat nicht mehr als die Erfüllung der Staatsbürgerpflicht zu fordern. Alles andere geht ihn nichts an.