Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Das Galuthproblem und der Zionismus
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 188 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2908689-2908735-2908742-2911637--2278-2911664- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
186 mühten, daß es keine jüdische Rasse gibt. Auch ein sehr beliebter Beweis dafür, daß wir von unseren Mitbürgern nur durch die Religion und sonst durch nichts uns unterscheiden. Diese durch strengste Isolierung von der Umgebung erzwungene Eigenzüchtung eines besonderen jüdischen Menschenschlags stempelt uns zu einer überall verzweigten und verstreuten, im einzelnen von ihrer verschiedenen Umgebung zwar nicht unbeeinflußten, dennoch aber als einheitlich zu betrachtenden Blutsgemeinschaft, die wir Volk oder Nation nennen können, auch wenn uns nicht ein gemeinsamer Staat und eine gemeinsame Kultur entwicklung eint. Wohl aber eint uns noch eine, wenn auch im! einzelnen noch so verschiedenartig entwickelte nationale Religion. Und hier zitiere ich wieder Me.ineke: „Man kann es zumal, an ehemaligen Staatenationen, die ihres Staates vielleicht vor Jahrhunderten schon verlustig geworden sind und zu ihm wieder hinstreben, mit Händen greifen, wie. sie an ihrer nationalen Religion und Kirche einen festen Halt finden können.** Gleiche Blutsgemeinschaft, gleiche Religion und eine, wenn auch nur als Gebetsprache, erhaltene gleiche Sprache, bedarf es noch mehr, um uns das Recht zu geben, als eigene Nationalität zu gelten, wenn wir es. wollen? Denn eine Nation ist auch, was eine ^Nation sein will, Fexistence d'une nation est im plöbiscite de tousi les' jours, das ist die Definition Ren ans für den Begriff der Nation. „Wir können eine Periode unterscheiden, in denen die Nationen im ganzen ein mehr pflanzenhaftes und , unpersönliches Dasein und Wachstum hatten, und eine spätere, in -denen der bewußte Wille der Nation erwacht, in der sie sich selbst, und sei es auch nur durch das Organ ihrer Führer — als große Persönlichkeit, als große geschichtliche Einheit fühlt und das Kennzeichen, und Recht der entwickelten Persönlichkeit, die Selbstbestimmung, beansprucht" (M e i n e k e). Nun dieses Recht wird gerade jetzt von der übergroßen Mehrzahl aller Juden beansprucht und die Minderheit ist nicht befugt, ihr dieses Recht zu bestreiten, nachdem einmal „das volle Bewußtsein einer nationalen Gemeinschaft erwacht und zur intensiven Sehnsucht nach ihr gesteigert ist.** Man bestreite es vor allem nicht mit der Behauptung, daß wir kein jüdisches Volk seien, weil wir des Gemeinsamkeitsgefühls entbehren. Wenn die historische Entwicklung dazu geführt hat, daß Glieder eines Stammes unter dem Einfluß der verschiedenen Umwelt wesentliche Unterschiede zeigen, so fragt es sich, ob sich diese Unterschiede nicht ausgleichen, sobald gleiche Lebensbedingungen die Juden verschiedener Länder einen. Hier sollte doch die Fähigkeit' des angeblich so wesensfremden ostpreußischen Juden, in überraschend kurzer Zeit sich seinen fremden osteuropäischen Brüdern zu assimilieren, zu denken geben. Und gerade wir deutschen Juden, die die Geschichte der letzten 50—60 Jahre kennen, müßten wissen, daß aus den polnischen Juden der Ostprovinzen viele unserer erleuchtetsten Geister und ein nicht geringer i Teil unserer jetzigen Führer stammen. Wer aber in dör Schaffung eines jüdischen Volkes eine Degradation des Judentums erblickt, weil seine Mission, der weltumspannende Träger höchster religiöser Kultur zu