Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Das Galuthproblem und der Zionismus
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 187 (sequence 5)
- Language
- German
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165 halb der deutschen Grenzen, das man in kleinlicher Scheu vor dem antisemitischen Geschrei über die jüdische vaterlandslose Internationale mehr und mehr hat verkümmern lassen, bricht sich mit natürlicher Gewalt wieder Bahn in einer Zeit, welcho die Überspannung der nationalen Abschließung zu befestigen und eine friedliche Vereinigung der gesamten Menschheit zu verwirklichen erstrebt/' Ganz ähnlich äußert, sieh Justizrat Blau (Frankfurt a. M.j in einem kürzlich in dem Organ des Ordens Bne Brith veröffentlichten Aufsatze. Wir Zionisten haben diese Erkenntnis, die jetzt endlich auch unseren jüdischen Gegnern aufzugehen beginnt, seit jeher vertreten. Wir haben die Zusammengehörigkeit der Juden aller Länder schon immer zusammengefaßt unter den Begriff des jüdischen Volkes, der jüdischen Nation. Die Friedenskonferenz wird uns die völkerrechtliche Sanktion dieser Bezeichnung bringen. Aber das deutsche Judentum weigert sich, diesem Spruche sich zu unterwerfen, weil es sich nicht davon will überzeugen lassem daß auch die von seinen denkenden Vertretern anerkannte Stammesgemeinschaft aller Juden die Bezeichnung Volk, Nation oder Nationalität rechtfertigen kan. Dieser Streit .um das Wort ist es, der die ganze unglückselige Spaltung im deutschen Judentum verursacht und jenen Zustand gegenseitiger Verbitterung schafft, der sicherlieh'uns allen Gegenstand tiefsten Kummers ist. IV. Dürfen wir uns jüdischesVolk, jüdische Nation oder N a - t i o n a 1 i t ä t nennen, weil wir eine Blutsgemeinscha ft sind? Gewiß, es fehlen uns sehr viele Merkmale, welche gemeinhin als. Kennzeichen einer Nation oder eines Volkes gelten. Aber wie viele Nationen gibt es, auf die alle Definitionen der Wissenschaft zutreffen, und warum wird gerade von uns Juden verlangt, daß wir sie alle aufweisen müssen? „Das Wesen der Naion," sagt M ei n e k e, „hat etwas Fließendes. Unbedingt vorhanden sein muß in ihr wohl ein kernhaftes Element, das durch Blutsverwandtschaft entstanden ist.'4 Daß uns Juden aber eine unserer Eigenart bedingende Blutsverwandtschaft eint bedarf doch wohl keiner Begründung. Nicht als ob wir eine anthropologisch sicher zu charakterisierende Rasse wären, die ganz bestimmte und nur uns zukommende körperliche und geistige Stigmata zeigte. Dafür sind die Bedingungen der Umwelt, die ja auch nicht ohne Einfluß auf die Gestaltung des Menschen sind, ztf ungleich gewesen in allen den verschiedenen Ländern und Zonen, wohin uns das Schicksal vertrieben hat. Aber überall, wo. wir lebten, haben wir uns seit vielen Jahrhunderten aus den bekannten Gründen unvermischt erhalten. Eine Gemeinschaft von Menschen, die mit ihrer Umwelt aber sich nicht mischt, muß ein eigenes Gepräge erhalten. Sic wird ein eigener Menschenschlag, eine Rasse von eigenem Geblüt. Das ist eine naturwissenschaftliche Wahrheit, die doch wohl nicht ernsthaft bestritten werden kann, so oft sich auch Juden um den Nachweis be-