Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Das Galuthproblem und der Zionismus
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 184 (sequence 2)
- Language
- German
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162 Zionisten von der Schnelligkeit und dem Umfange der Erfüllung unserer nichtigsten Forderungen, unseres Palästinaprogramms, durch den Ausgang des Weltkriegs selbst in höchstem Grade überrascht worden sind? Die eindrucksvolle Kundgebung aller Mächte für die Wiederher-' Stellung Palästinas als nationale Heimstätte des jüdischen Volkes hat ihre Wirkung auch auf diejenigen Kreise des Judentums nicht verfehlt, welche den Gedankengängen zionistischer Politik sich bisher fremd und abweisend gegenübergestellt haben. Das gilt nicht zum wenigsten auch für das deutsche Judentum. Auch die deutschen Juden haben sich vor der Macht der Tatsachen beugen müssen; es blieb ihnen ja auch wohl nichts anderes übrig.. Mögen auch im einzelnen noch Bedenken mancherlei Art erhoben werden, mag man immerhin Einwände in relativ .geringfügigen Dingen äußern, alles das kann nichts an der Fesfatellung ändern, daß in diesem Augenblick die alte zionistische Forderung der Wiederaufrichtung Palästinas als jüdisches Staatswesen fast einmütig von allen Juden der Welt erhoben wird. Die intensive Agitation, die wir Zionisten für diese Forderung haben führen müssen, wird sich jetzt fast ganz erübrigen, und ernstliche Differenzen in der Palästinafrage v/erden auch in Deutschland das Judentum kaum mehr entzweien. Die Friedenskonferenz wird uns Zionisten aber auch die Erfüllung einer zweiten Forderung bringen, die Anerkennung des jüdischen Yolk es. So bereitwillig aber das ganze deutsche Judentum wird mit uns mitarbeiten wollen an der Wiederbevölkerung Palästinas, so heftig sträubt es sich in seiner übergroßen Mehrheit, mit uns sich zum jüdischen Volke zu bekennen. Zwar hat die unablässige zionistische Arbeit es dahin gebracht, daß die Fiktion von der jüdischen. Glaubensgemeinschaft als des Wesens aller Gegensätze zwischen Juden und Nichtjuden endlich aufhört. Diese Behauptung, daß nur. das religiöse Bekenntnis uns voneinander trennt, daß wir aber sonst nichts kennen, was sich der völligen Gleichheit zwischen uns und den Völkern, in denen wir leben, entgegenstellt, hat den ehrlichen Ausgleich mit der Mehrheit des deutschen Volkes auf das allerungünstigste beeinflußt. Denn diese Behauptung wird im allgemeinen nur von Juden ausgesprochen. Wer nur einigermaßen die Gesinnung unserer deutschen Mitbürger kennt, wer Gelegenheit gehabt hat, in den Reihert unserer deutschen gebildeten Kreise sich umzusehen, der wird nicht an der Tatsache vorübergehen können, daß diese vornehmlich von Juden geäußerte Keinung von ihnen auf das energischste zurückgewiesen wird. Und da für unser gegenseitiges Verhältnis ausschlaggebend nur das ist, was die anderen in ihrer übergroßen Mehrzahl sagen, nicht aber das, was wir selbst zu denken vorgeben, so wirkt die ewige Wiederholung dieser Formel, von dor jüdischen Glaubensgemeinschaft nur schädlich und verhindert die restlose Verständigung. II. Daß das deutsche Judentum an dieser schädlichen, weil innerlick unwahren Behauptung so lange und so hartnäckig festgehalten hat und zum Teil noch jetzt festhält, daran trägt die Schuld in erster Linie seine Verquickung mit dem politischen Liberalismus.