Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1919)
- Article
- Ein Spinozaroman [Rezension]
- Date
- 1919-01-10
- Page
- Seite 174 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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172 ' '-"^ •. " V Die Rabbiner flehen, die Synagoge fleht, durch sie — die ganze jüdische Gemeinde, die vor der Inquisition den jüdischen Glauben rettete und nach Holland floh, um hier Gottes Namen zu preisen. Die Rabbiner flehen ihn an. ,,Doch irgendwo muß die Wahrheit des Herrn leben! Wenn nicht in den heiligen Torarollen, wo, Baruch da Spinoza, wo ist sie zu finden?" Morteira verdeckt sein Gesicht. Und als Baruch die Synagoge verläßt, dünkt ihn, das Weinen Morteiras zu hören. Die Gemeinde versucht das letzte Mittel. . Spinoza ist verloren, das seilen alle ein. Aber sein Beispiel kann doch von unabsehbaren Folgen sein. So ein Reis fällt ab! Da kommt zu ihm Morteira einfach als Vermittler. Sie verlangen von ihm nur eins: er möge den Schein wahren, er möge freiwilliger Marran in umgekehrter Richtung werden. Sie wissen von ihm -alles. Sie wissen, was für Bekanntschaften er hat. Aber sie können nicht zu ihm gleichgültig sein, wie zu denjenigen zweier Juden, die sich vor kurzem taufen ließen. Denn Spinoza hat die tiefsinnigste und heiligste jüdische Weisheit gelernt. Er solle doch die Lehre nicht schänden. Nur den Schein verlangen sie von ihm, die Äußerlichkeit. Das ist bloß ein Abkommen, das dje. Amsterdamer Gemeinde mit^Baruch Spinoza schließen will: Tausend Gulden jährlich bekommt er von der Gemeinde, wenn er auf das Geschäft eingeht. Rabbi Morteira spricht hier nicht mit seinem lieben Schüler, mit dem er das Tiefste geforscht, sondern mit einem ganz fremden. Rabbi Morteira ist dabei bloß Vermittler. Spinoza willigt zur Abmachung nicht ein. Zum ersten Male übernachtet er unter fremdem, nicht jüdischem Dach. , Nach dieser peinlichen Unterredung mit Morteira begab sich Spinoza zu seinen christlichen Freunden. Am Stammtisch bei Jan Zoet versammelten sich alle, tranken Wein, hörten Gitarrespiel. Allein Spinoza saß. still, in gedrückter Stimmung. Er spazierte mit Doktor Van den Enden lange über den toten Straßen, und als sie sich trennten, sagte er: „Gebt mir für die Nacht ein Lager ... ich habe sonst keine Zuflucht . . . meines Vaters Haus hat für mich keinen Raum mehr." „Ihr werdet in meinem Hause wohnen, wie ein lieber Sohnu, sagt Doktor Van den Enden. # * * * Baruch Spinoza, der Brillenschleifer! Dieser kleine kränkliche Jude mit dem blassen Gesicht und tiefen Augen, der ständig auf der Jagd nach der ewigen Wahrheit ist! Die großen, breitschultrigen Holländer, die Freiheitskämpfer Lodovig Meyer, Adrian, Jarig betrachten ihn wie einen aufgehenden Stern. Der Traktat Spinozas wandert in Handschrift über Holland und weit, weit jenseits der holländischen Grense. Klara Maria, eine schöne Holländerin, denkt über ihn nach und begreift seine Zurückgezogenheit nicht. Spinoza weiß seinq Freunde zu schätzen, sein Göist aber ruft ihn zur Einsamkeit*, er will allein sein, irgendwo in einem stillen Dorf unter einfachen Menschen. Zwei kleine Zimmer, in einem wohnt Spinoza, der Brilienschleifcr, der wenige Gulden