Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1919)
- Article
- Ein Spinozaroman [Rezension]
- Date
- 1919-01-10
- Page
- Seite 173 (sequence 3)
- Language
- German
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171 — Ihr sollt nicht singen; Hanna Debora — flüstert er, des Knaben Locken streichelnd,'— Hier bringe ich Euch eine Mixtur de Silvas, sie wird Euch von den Brustschmerzen befreien. Uriel da 3£osta, Jehuda, Hanna Debora — sie alle sind romantische Figuren. Der erste ist ein stürmischer Romantiker, die beiden anderen sind stille, heimliche Träumer mit in der Seele versteckten Schmerzen. Ihnen sind in dem Buche viele schöne Seiten gewidmet. Aber diese Seiten sind bloß Eingangstore in den herrlichen Palast, wo eine göttliche Klarheit und Ruhe herrscht. Erst als die Gestalt Baruch Spinozas zum stillen aber unentwegten Forscher der philosophischen Wahrheit emporwächst, gewinnt der Roman seine volle Bedeutung. Mit einem Schlage ändert sich die ganze Umgebung. Eine Reihe scharf geschnitzter Typen taucht auf, freie Holländer, Kämpfer für freie Gedanken. Adrian, Jarig, Lodovik Meyer und, alle überragend, Jan de Witt. Spinoza, die große Hoffnung der Amsterdamer jüdischen Gemeinde, der beste Schüler Rabbi Morteira ist gleichzeitig auch der Schrecken und die Sorge aller. In diesem jungen Manne geht ein gewaltiger Zerstörungsprozeß vor sich. Wie ist dieser Vorgang zurückzuhalten? Wo. ist die Grenze? Wird man wirklich eine Wiederholung des bitteren Beispiels .von Uriel da! Kosta erleben müssen? — Was soll ich tun, Rabbi? — fragt Baruch seinen Rabbi. Morteira denkt lange nach. Der Verstand Baruchs seinen ihm längst verführerisch und gefährlich zu sein. Man darf aber den Durstigen nicht weggehen lassen. Er ist dann für immer verloren. Man muß Baruch gewinnen. Spinoza verläßt das Haus Morteiras mit dem „More newuchim" des Maimonides in der Hand. Hat das geholfen? Nein. Sein Durst wurde noch mächtiger, das Zweifeln größer, das Suchen energischer. -Andererseits hat das Studium der Geheimnisse der Kabala das kleine Feuerlein zur lodernden Flamme entfacht. Moses Zacuto, sein ehemaliger Kamerad, der Fanatiker, wird sein bitterster Feind. Das Ghetto weiß, daß Spinoza mit Christen "Bekanntschaften hat, daß er lateinisch lernt. Der fromme Vater, Michael da Spinoza, hält ihn für verloren, für tot Bald darauf muß er vor der Synagoge erscheinen. — „Wir haben dich gerufen, Sohn des frommen Michael da Spinoza; reinige dich vor uns. Die schwersten Beschuldigungen ruhen auf deinem Namen. Fühlst du dich makellos, so erweise es, und dieser Tag wird für uns alle ein froher sein, denn große Hoffnungen waren auf dich gesetzt. Doch höre die Klage." Zacuto beschuldigt Ein Schauer ergreift alle bei der Schilderung der Hölle, in der sich Spinoza befindet. Wird nicht Spinoza im Zorn aufspringen und den Fanatiker Lügen strafen? Wie viele möchten es erleben! Mehr als alle — Rabbi'Morteira. Spinoza aber antwortet gelassen: „Ich achte seinen Glauben." Und weiter: „Ich fühle keine Schuld, Rabbi Morteira. Doch der Gott, der meine Seele sucht, so heiß, wie Zacuto für den seinen kämpft, ist meinem Herzen noch nicht offenbar geworden."