Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1919)
- Article
- Ein Spinozaroman [Rezension]
- Date
- 1919-01-10
- Page
- Seite 172 (sequence 2)
- Language
- German
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170 Uriel da Kosta! Grausam seien die Amsterdamer Rabbiner, grausam die jüdische Gemeinde. Aber im feinfühlenden, verklärten Buche Kolbenheyers, in dem das Jüdische mit besonderer Tiefe, Zartheit und'Verständnis geschildert wird, wird gleichsam! folgende Antwort gegeben: Soeben retteten die Juden ihre Lehre aus den Flammen der Inquisition, soeben wurden sie aus Spanien .verstoßen, mußten sie die Sonne gegen den Milchnebel tauschen, teure Gräber und Reichtümer im Stiche lassen und bloß Erinnerungen über tausende Märtyrer des heiligen Glaubens mitnehmen — und da kommt da Kosta und ergibt sich der Lust des Zweifeins. Wir sind eifersüchtig, sehr eifersüchtig. Aber die Tragödie da Kostas besteht darin, daß in ihm« hitziges Blut tobt, daß. er sich zwischen zwei Ufern stößt, zwischen hochmütiger Empörung und Demut Er ist ein Romantiker, eine Halbnatur. Die Gemeinde wird ihn endlich beseitigen, dieselbe Gemeinde, die sich später, bei Spinoza, so ohnmächtig fühlen wird, weil sie dann einem klaren Kristailberg begegnet, einem unbeugsamen Willen, eingehüllt in die Gelassenheit eines Mönches. Uriel da Kosta hat gute Freunde im Amsterdamer Ghetto: den jungen Rabbi Jehuda, einen aufgeklärten aber nicht kampfbereiten Mann, und die zweite Frau von Michael da Spinoza, die Mutter von Baruch, Eanna Debora. In ihrer Seele ruhen der Himmel von Portugal und eine schamhafte, stille Liebe zu Jehuda. Die reichen, bunten Gewänder, die sie aus der Heimat mitbrachte und die in ihrem Zimmer ausgebreitet sind, sowie die Gitarre helfen ihr manchmal, den innerlichen Schmerz und die Unzufriedenheit zu stillen. Aber ihr einziger Trost ist der Ideine Baruch. Hanna Debora singt oft, und einmal gegen Abend fand sie Jehuda dabei, wie sie mit der Hand über die Saiten der Gitarre führte und die Ballade da Kostas über Mirjam Nunez sang: In die golddurchflochtenen Wellen, die von deinen Schultern fließen, Mirjam Nunez, fallen Perlen, wie sie müde Sterne weinen, die in Meeresnacht versinken. Deine Lippen, Mirjam Nunez, blässer als das Blut des Mondes, schwimmt in dem Narzissenkelche, beben wie ein Blütenschauer: Durch die Gassen gellt der Mord. . Deines Volkes Güter flammen, angefacht von Mönchsgesängen. Deines Volkes Leiden bluten, hingestreckt von Christens ehwertera Deines Volkes Herzen brechen, überdröhnt vom Sturm der Glocken. Mirjam Nunez, fliehe, fliehe! Folge deinen Schnellen Brüdern! Auf den Tejos letzten Wellen schwellt der Ost verschwiegne Segel.