Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1919)
- Article
- Ein Spinozaroman [Rezension]
- Date
- 1919-01-10
- Page
- Seite 171 (sequence 1)
- Language
- German
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169 Ein Spinozaroman Von Sch. Gorelik, Berlin. ^^^mor dei" — ein Roman des österreichischen Schriftstellers H Kolbenheyer, ein Spinozaroman*), Ein stiller, zarter, bis ins SlfelS feinste durchdachter Roman. Eine reiche Epoche offenbart sich dem Leser. Die Niederlande, wo der Handel blüht und von wo aus die Segelschiffe überdie unendliche Seefläche gleiten, haben auch Verständnis für freien Geist. In den kleinen holländischen Städten werden freie Traktate in lateinischer Sprache gedruckt — Traktate, die man nicht ohne große Gefahr, in anderen Ländern drucken kann. Und doch, was wäre Holland ohne jene exotische Südblume, die die Schrecken der Inquisition auf seinen Boden verpflanzte? Nachdem die aus Spanien ausgewiesenen Maranen auf den Gräbern ihrer Vorfahrqn ihr Schicksal beweint und betrauert haben, nachdem sie sich vom sonnigen, so heiß geliebten Spanien in Wehmut verabschiedeten, begaben sie sich auf die Suche nach irgendeinem ruhigen, sicheren Winkel der Erde. Kaum jemals übertönten die Meereswogen mit ihrem Lärm so viele tiefe Seufzer, wie zu jener Zeit, als die Schiffe die spanischen und portugiesischen Verbannten beförderten. Auf einem dieser Schiffe, die Jakob Tirado führte, war auch die göttlich schöne Mirjam Nunez; auf einem anderen Schiff waren Uriel da Kosta und Michael da Spinoza. Sie alle segelten an die Küste Hollands, des freien, toleranten Landes, das den Juden Zuflucht gewährte, übrigens für gute Bezahlung. In das eintönige, flache, gesättigte, gesunde und derbe Holland wurde mit cincinmal ein großes Stück Orient hineingewirkt; es blitzten Verträumte. Feueraugen auf, es zeigten sich stolze Gestalten mit angeborener Sehnsucht die man vielleicht zuzugeben sich genierte. 0 Spanien! Portugal! Zu dieser Sehnsucht nach Spanien und Portugal kam noch eine hinzu, die nicht immer bewußt, aber doch immer da war — die Sehnsucht nach der Urheimat, nach der Wiege der Rasse. Gerade diese zweite Sehnsucht dämpfte den spanischen Brausewind, verlieh dem Gesicht eine Verklärtheit, eine seltene Adligkeit.. In den Gitarrelauten, die im jüdischen Ghetto ohne den Himmel Granadas und Toledos über sich einsam klangen, spürte man die Sehnsucht und die Tränen ob beider Heimateiu ' •. Als Rembrandt, dem wilden und stürmischen, das primitiv-grobo Kermessen, der Haufen Muskeln und sogar die bürgerliche Sentimalität von Saskia zuwider wurden, da wanderte er gerne im jüdischen Ghetto, wo es ihm oft fieberhaft drängte, Typen des Stolzes und der Armut zu skizzieren, Typen von. Prinzen in Lumpen. Einmal sali Rembrandt eine Szene, die ihm tief im Herzen eingegraben blieb. In einer der halbdunklen Gassen des Amsterdamer Ghettos herrschte unbeschreibliche Aufregung. Steine und Flüche flogen in einer Richtung, wo man einen hastig schreitenden Verfolgten wahrnehmen konnte, mit blassem, gequältem Gesicht, zusammengepreßten Lippen und grauem Kopfe. Er lief, ohne auf die Verfolger zurückzublicken, wie ein gehetztes Wild. Georg Müller Verlag, München 19IS.