Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1919)
- Article
- Die Judenfrage - eine Minoritätenfrage
- Date
- 1919-01-10
- Page
- Seite 169 (sequence 4)
- Language
- German
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167 besteht sonach, wenn überhaupt eine bestimmbare Grenze, so doch nur eine verschiebbare Grenze. Die Folge ist, daß die Symptome der Judenfrage, vor allem der Antisemitismus, in sehr verschiedener Stärke und Form auftreten, je nach der Größe der jüdischen Minorität, aber auch je nach der von ihr erregten Größenvorstellung. Wie nun diese beiden Massen, die jüdische und nichtjüdische, Minorität und Majorität gegeneinander wirken, wie Konvergenz und Dissoziation, Assimilation und Separation, Sublimierung und Ressentiment die Folgeerscheinungen sind, habe ich in einfer Abhandlung mit dem Titel „Die Judenfrage, ein soziologisches Problem" in Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft (jetzt herausgegeben, von Schuhmacher und Spietthoff) 1918, Bd. 42, Heft 2 näher zu zeigen versucht, nachdem ich über dasselbe Thema am 27. Januar 1917 im Frankfurter Verein für Demographie und Statistik der Juden einen Vortrag gehalten. Aber, was dabei besonders zu betonen wa,r, diese Erscheinungen finden sich auch bei anderen Minoritäten (z. B. Deutsche im Ausland). Auch die eigentümliche Berufsschichtung bei den Juden erklärt sich, wie ich an derselben Stelle nachgewiesen zu haben glaube, aus ihrer Rolle als Minorität, aus der geschichtlichen Entstehung dieser Minorität: die Minorität wählt sich denjenigen Beruf, der in der Majorität noch nicht genügend vertreten ist. Dieses Prinzip ist aber kein jüdisches Prinzip, sondern ein allgemein soziologisches, das überall da sich geltend macht, wo eine Minorität friedlich in eine Majorität eindringt und sich neue Lebensbedingungen schaffen muß. Sogar das berühmte „Ghetto" ist keine Eigentümlichkeit der Juden, sondern im Altertum und Mittelalter bei jeder volksfremden Minorität zu finden. Es Ist kein erzwungenes Ghetto, sondern ein selbstgewähltes, das aus der Speisegemeinschaft nach rituellen Vorschriften folgte. (Max Weber.) Ich schloß die zitierte Abhandlung mit dem Hinweis auf die oft beobachtete Tatsache, daß die Juden, eben weil sie stets in der Minorität sind, die geborenen Minoritätenfreunde sind. An der russischen Revolution von 1905 waren die Juden beteiligt: 1884—-1890 mit 13,4%, 1901—1903 mit 29 %, 1906—11 mit 8 % (gegen 4 % Anteil an der Bevölkerung) Liebknecht der Ältere, Freund und Schüler .von Karl Marx, sagt: Sklaverei läutert, erhebt, schafft Idealisten und Rebellen. Bei den Juden sei daher im Verhältnis zur Bevölkerungszahl eine größere Summe von Idealismus zu finden als unter den Nichtjuden. Was für Schlußfolgerungen sind aus diesen Erörterungen zu ziehen? Vor allem eine Schlußfolgerung für die Juden: Für sie ist daß Ergebnis insofern erfreulich, als es tröstlich ist, socios habuisse malorum, zu wissen, daß es auch anderen (Minoritäten) schlecht geht. Die Judenfrage bildet keine Ausnahme in einer Welt der Gerechtigkeit x) Tarnowski, Ermittlungen bezüglich der wegen politischer Vergehen gerichtlich belangten Personen 1905—1912 (Journal des russischen Justizministeriums, Dezember 1915).