Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1919)
- Article
- Die Judenfrage - eine Minoritätenfrage
- Date
- 1919-01-10
- Page
- Seite 170 (sequence 5)
- Language
- German
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166 und des Wohlwollens, sondern die Behandlung der Juden ist nur ein Beispiel des Drucks und der Vergewaltigung, der alle Minoritäten ausgesetzt sind. Weinerliches Getue über „Antisemitismus" erscheint in diesem größeren' Zusammenhang als unmännlich oder wenigstens — unwissenschaftlich. Vielmehr sollte es die Angehörigen einer jeden Minorität mit Stolz erfüllen,.sich eingereiht zu wissen in einen größeren Zusammenhang, den Leidensweg aller Schwachen und Unterdrückten. Freilich muß es für die Angehörigen aller Minoritäten erschreckend 'wirken, daß es im sozialen Leben zunächst auf zahlenmäßige Stärke ankommt. Denn da die Bevölkerungsvermehrung nur durch Handlungen vor sich gehen kann, auf die, soweit es nicht reine Instinkthandlungen sind, nicht Gemeingefühle, sondern individuelle Willkür, bestenfalls also Vernunfts er wägungen, bestimmend wirken, so endigt an der Schwelle dieser Frage der Einfluß des Soziologen. Um so mehr liegt es im Interesse einer jeden Minorität, darnach zu trachten, .sich wenigstens qualitativ hochzuhalten. Aber auch für die Majoritäten, für die Völker, unter denen eine Minorität lebt, ergeben sich aus dem Gesagten bestimmte Schlußfolgerungen. Denn wenn auch zwischen Majorität und Minorität, wie /wir gesehen haben, ein Gegensatz besteht, der ^u Kämpfen Anlaß gibt, so sollen sich Majorität und Minorität doch auch miteinander vertragen, denn so wie die Dinge liegen, sind sie nun einmal aufeinander angewiesen. Die Majorität darf die Minorität zum Dienste für das Ganze .heranziehen, aber sie soll sie auch, entsprechend würdigen und behandeln. Dies liegt nicht nur im Interesse der Minorität, sondern auch der Majorität und' des Volksganzen. Durch die ganze heutige Gesellschaft geht ein Streben nach schonlicher Behandlung und intensiver Ausnützung aller Sachgüter und Produktivkräfte. Zu diesem Streben, nach ökonomisierung würde es wenig passen, wenn der Staat die wertvollen Dienste, die ihm die Juden durch ihre spezifischen, auf einem langen Leidenswege ajs Minorität herangeztichteten Eigenschaften leisten können, zurückweisen oder gering einschätzen würde. Wenn daher die Juden Zurücksetzung erfahren, ßo haben nicht nur die Juden selbst ein Recht zur Klage, sondern es ist auch Sache aller derer, denen das Wohl des Volksganzen am Herzen liegt, ebenfalls sich dagegen zu wenden. Die Judenfrage ist also keine bloße Judenfrage, d. h. eine Frage für die Juden, sondern eine Frage, die alle angeht, besonders alle Minoritäten. Es ist nicht nur unwürdig, sondern auch kurzsichtig, wenn die Juden sich über Zurücksetzung beschweren», den Grund in übergroßer Empfindlichkeit zu suchen oder die Geringfügigkeit der dadurch verletzten Privatinteressen hervorzuheben. Kein Land ist so reich an Intelligenzen, daß es wagen dürfte, •einen Teil seiner Intelligenzen als der Minorität angehörig zu vergeuden. Wenn zu irgendeiner Zeit, so ist'es heute notwendig, alle wertvollen Elemente im Dienste des Staatsganzen zu vereinigen.