Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1919)
- Article
- Was nun?
- Date
- 1919-01-10
- Page
- Seite 144 (sequence 6)
- Language
- German
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142 hier fremd, sollten uns zwar nur um jüdische Sachen kümmern, aber die Frage nicht gar „zu ängstlich und spitzfindig lösen", weil wir eonst nach seiner Auffassung hier nicht einmal Ärzte oder Anwälte sein könnten. Als ob, wenn wir fremd wären und wenn wir nicht deutsch empfänden und fühlten, man nicht mit Recht uns auch als Anwälte perhorreszieren würde, und als ob unsere deutschen Volksgenossen die Spitzfindigkeit des Herrn Erich Cohn als eine gerechte Abgenzung des Volksfeinden ansehen würden. Sind wir fremd und nichts weiter wie Staatsbürger, die ihre staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten erfüllen, an deutscher Kultur und deutschem Volksempfinden aber nicht teilnehmen, so kann in den Zeiten, wie wir sie jetzt haben, wo national-chauvinistische Ideen Orgien feiern, der Gedanke sich Bahn brechen, daß die Juden insgesamt gut täten, das deutsche Vaterland zu verlassen. Ich habe neuerdings von Pr. Klee, also einem Zionistenführer, die Bemerkung gehört, daß der Gedanke, die Juden seien eine Religionsgesellschaft und kein Volk, erst vor 50 Jahren von Abraham Geiger erfunden sei. Man muß sich erstaunt fragen, hat irgendeiner von uns deutschen Juden bis vor 20 Jahren etwas anderes geglaubt, als daß die Juden eine Religionsgesellschaft, Religionsgemeinschaft und kein Volk in Deutschland seien? Wissen die Zionisten nicht,, daß schon im Edikt vom 11. März 1812 der Grundsatz proklamiert ist, daß die Juden als Einländer zu erachten-seien, und daß lange vor Abraham Geiger in Preußen schon mit dem Edikt von 1812 der Begriff „jüdische Nation'' aufgeiiört, die Juden nicht mehr als Fremde gegolten haben, nicht mehr, wie die später ergangenen Ministerialverfügungen besagten, eine besondere Gemeinde, ausgenommen eine kirchliche, nicht mehr eine politische, sondern eine kirchliche .Verbindung gebildet haben? Will man die Entwicklung fast eines Jahrhunderts ganz ausschalten? 3. Indessen dürfen uns die Gedankengänge jüdischer Chauvinisten nicht dazu bringen, zu verkennen, daß wir Glaubensbrüder sind und wir dürfen mit ihnen nicht Bruderkriege auf den Gebieten führen, wo eine gemeinschaftliche Zusammenarbeit möglich ist. Solche Gebiete' gibt es. unbeschadet des prinzipiellen Gegensatzes zwischen der Auffassung der Zionisten und der des, Zentralvereins, a) Wir können mit ihnen kämpfen für die Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern der Welt, für die Aufhebung aller Ausnahmegesetze, die sich gegen Juden richten. Ob das Reich sich gegen Ausländer .absperren oder die Grenzen öffnen soll, mag jeder mit seiner politischen und sozialen Lebensauffassung ausmachen; als Juden dürfen wir es nicht dulden, daß Ausnahmegesetze vgegen Ausländer nur deshalb erlassen werdon, weil sie Juden sind.' Wir dürfen nicht dulden, daß die Grenze nur gegen:Juden gesperrt wird.. b) Wir können dafür eintreten, daß in den Ländern jüdischer Massensiedlung, wo die Juden nach Sprache, Geschichte, Kultur Nationalitäten sind, wie z. B. in Polen, Rumänien und Litauen, daß ihnen dort die Rechte nationaler Minoritäten, insbesondere dienationaleAutonomiegewährtwird. Wir würden die Judeü vergewaltigen, wenn wir sie zwingen würden, sich