Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1919)
- Article
- Was nun?
- Date
- 1919-01-10
- Page
- Seite 141 (sequence 3)
- Language
- German
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139 sichten zuliebe den Juden die Gleichberechtigung versagen zu müssen. Gerade weil die Partei als solche den Kampf gegen Reaktion, Klassengeist und Antisemitismus durchzuführen berufen und bestrebt ist, müssen wir. sie vor dem Treiben solcher kleiner, abor leider zum Teil auch an einflußreicher Stelle stehender Geister warnen. Wenn auch die deutsche demokratische Partei nicht gewillt sein wird, jeder antisemitischen Strömung ^mit aller Energie entgegenzutreten, so, werden die Juden erst recht in die radikalen Parteien getrieben werden. Man verfalle nicht in den bedenklichen Irrtum anzunehmen, daß die Juden als Vertreter des Kapitalismus doch nicht in hellen Haufen zur Sozialdemokratie übergehen werden. Die Juden sind ajs Juden weder Kapitalisten noch Sozialdemokraten, weder konservativ noch radikal, sie sind ebenso wie jeder andere Mensch ein Produkt ihrer individuellen Gefühle, Neigungen und Interessen. Nun hat man ihnen früher die Möglichkeiten politischer Stellungnahme stark eingeschränkt, und gerade die Rechtsparteien, die sich jetzt über den angeblichen jüdischen Radikalismus ereifern, machen es dem Juden, sofern er überhaupt noch kein halber oder ganzer Renegat ist, unmöglich, sich ihnen anzuschließen, selbst wenn er konservativ denkt. Ich möchte von ganzem Herzen hoffen und wünschen, daß die deutsche demokratische Partei nicht bösen Beispielen folgt, und ich kann wohl sagen, daß ich eine Entwicklung bedauern würde, die manchen aufrechten Juden .vielleicht entgegen seinem innersten Gefühl dahin treibt, sein einziges Heil und die Wahrung seiner Würde bei der Sozialdemokratie zu sehen. 3. In diesen Worten ist auch unsere Stellung der Sozialdemokratie gegenüber gegeben. Die Zugehörigkeit zu den politischen Parteien ist Sache jedes einzelnen, und wer es mit sich abgemacht hat, der Sozialdemokratie beizutreten, . der mag in ihr bleiben und sich in ihr betätigen. Es wäre sinnlos, den einzelnen Glaubensgenossen, die jahrelang in der sozialdemokratischen Bewegung gestanden haben, zu predigen, daß sie jetzt Zurückhaltung üben und sich von der Betätigung im öffentlichen Leben .den antisemitischen Yolksströmungen zuliebe fernhalten müßten. Es wäre antisemitische Politik und ein veralteter Standpunkt von uns, wenn wir Juden den Rat geben sollten, ihre politische Überzeugung zurückzustellen, nur um nicht den Unwillen der Antisemiten zu erregen; unsere Warnungen würden übrigens zwecklos sein. Einen Sinn hat es nur, diebürgerlichenParteienzu warnen, daß sie durch ihre Politik nicht die Juden verbittern und dazu bringen, ihren alleinigen Schutz in der sozialdemokratischen Partei zu sehen. Gegen die Volksströmungen müssen wir kämpfen mit Waffen des Geistes. Dazu ist es nötig, daß wir ein positives Programm haben, eine bestimmte Lebens- und Weltauffassung. So wertvoll die Abwehrtätigkeit ist, wir bedürfen des positiven Programms im Kampfe gegen die jüdischen Gegner des Zentralvereins, gegen die Zionisten. B. Die innerjüdische Front: 1. Unser Programm und unser Losungswort war es, Deutschtum und Judentum zu versöhnen, eine