Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1919)
- Article
- Was nun?
- Date
- 1919-01-10
- Page
- Seite 140 (sequence 2)
- Language
- German
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.136 ßtisch und überaus beschämend für das deutsche Volk, daß sie nicht den Mut habend sich reaktionär, konservativ oder auch nur königstreu zu nennen^ daß sie sich auch als „Volkspartei" bezeichnen und die Erbpächter des deutschen Nationalgedankens sein wollen. Mit den Schlagworten des Antisemitismus bekämpfen sie ihre demokratischen Gegner. Unsere Gegner wollen, so sagen sie, eine Judenherrschaft, die Juden aber sind schuld am Beginn des Krieges und am Verlust des Krieges, am Waffenstillstand und an der Revolution.' Die Juden sind, so heißt es, als internationale Kapitalisten die Kriegshetzer, als internationale Pazifizisten die Urheber des Waffenstillstandes und als internationale Sozialisten und Bolschewisten die Revolutionsmacher gewesen. Was ein richtiger Antisemit und ein deutschnationaler Volksparteiler ist, der glaubt, daß die Juden und vor allem die böse Alliance israßlite universelle an allem Unglück in Deutschland und der Welt schuld sind, an Fest und Grippe und Brunnenvergiftung, daß die Juden Kriegshetzer und Friedenshetzer, Kapitalisten und Bolschewisten, Reaktionäre und Revolutionäre zusammen sind. Ist es zwar Wahnsinn, so hat es doch Methode! Mit Gründen der Vernunft und bloßen Worten ist die gewollte Unvernunft nicht zu widerlegen; wir werden den Kampf gegen die Unvernunft und die Böswilligkeit der Drahtzieher in alter Weise zu führen haben, ich möchte hier nur an den alten Irrwahn der Reaktionäre erinnern, daß die Revolution von einem Häufchen Fremder ins Land getragen werde und daß das gute treue Volk keinen Anlaß und keinen Wunsch gehabt habe, zu revolutionieren. In der großen französischen Revolution und in den Revolutionen des 19. Jahrhunderts hat man allerdings den Irrwahn, daß nur die J u d e n es sind, welche sie gemacht haben, nicht gehabt und haben können, diese Erkenntnis ist ein Produkt des fin de siäclc. Gewiß finden sich mehr Juden in den sozialdemokratischen Parteien als sie in den konservativen sind; aber seit Jahrzehnten habe ich darauf hingewiesen, wie die unselige Politik der Regierung und der konservativen Parteien die Juden in den Radikalismus getrieben habe und, wenn es so weiter gehe, wenn die bürgerlichen Parteien' nicht umlernen würden, sie *erst recht die Juden in die radikalen Linksparteien hineintreiben würden. Ich erinnerte vor Jahr und Tag an das Wort Brentanos, daß überall, wo man den Juden die Möglichkeit der Betätigung gegeben habe, sie konservativ gewesen seien .und daß, wenn man ihnen die Tore., öffne, allenthalben aus dem radikalen Disraeli ein konservativer Lord Beaconsfield werden werde. 2. In der demokratischen Partei wird es sich vorwiegend darum handeln, die lokalen Parteileitungen vor der Nachgiebigkeit gegen antisemitische Strömungen zu warnen. Mir liegt ein Wahlaufruf des .Demokratischen Bezirksvereins West-Priegnitz vor, in dem man zur Empfehlung der Demokratischen Partei anführen zu müssen glaubt, daß die Partei die Juden zwar nicht fernhalten könne, ihnen aber keine 'führenden Stellen einräume. Das hat, wie nicht anders zu erwarten war, die Zentralleitung zwar gemißbilligt; aber es'offenbart sich doch in diesem nicht vereinzelt dastehenden Falle das. Gebaren gewisser Partoikreiae, antisemitischen Volksströmungen und taktischen Rück-