Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1918-12-25 · Heft 6 (25.12.1918) · p. Seite 137

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 6 (25.12.1918)
Article
Mauthner der Jude
Date
1918-12-25
Page
Seite 137 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2908689-2908735-2908740-2911529--2209-2911560
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

____________________r._....._......................................._....._ 135 Lebenslauf getragen wird; Mauthners Lust tun Fabulieren scheint wohl liier den Stoff für ein bizarres Seelen- und Lebensbild gewittert zu haben, das auch nach Beckers Roman „Des Rabbi Vermächtnis" noch seinen Dichter sucht. Der Vater Mauthners kannte keinen jüdischen Buchstaben; an den hohen Feiertagen beschränkte er sich darauf, mit einem gewissen Selbstvorwurfe zu den Kindern zu sagen, „Ihr wachst ja auf wie die Heiden!". Das war sein einziger Blick zum Judentum: sonst hingegen war er eifrig bemüht, jede Spur seiner Herkunft in der Erziehung seiner K|nder zu tilgen. Besonders verhaßt war ihm das berüchtigte „Mauseheldeutseh"; und der spätere Sprachforscher mußte es sich gefallen lassen, wie er sehr amüsant erzählt, daß auch manches ehrliche deutsche Wort als „Mauschei" aus dem Wortschatz der Kinder ausgemerzt wurde. Nebenbei sei bemerkt^ daß diese väterliche Erziehung allzu erfolgreich war und es dem Sprachgewaltigen geschehen konnte, daß er in seiner Emanzipation vom Judendeutsch einen der bekanntesten jüdischen Ausdrücke falsch umschreibt: sowohl in den „Erinnerungen" ('S. 296) wie in Mauthners „Wörterbuch der Philosophie*' (I, 138) wird der „Am-Ha-Arez" nicht nur in unbillige Nähedes Wortes „Heide" gerückt, sondern geradezu im heutigen jüdischen Sprachgebrauch dem Worte „Idiot" gleichgesetzt. Das hat nun dies vielumstrittene Wort niemals bedeutet: mit dem „Heiden" hat es nur die Herleitung von der Erde gemein (wie paganus aus pagus, heathen aus heath), wird aber durch eine sprach philosophischsehr interessante Bedentiingskluft von ihm getrennt. Heute aber bedeutet es. stets nur einen, der in jüdischen Dingen „nichts gelernt hat". (Vgl. u. a. Bücheler, Der galiläische Am- Ha-Arez, Wien 1900, und Jewish Encyclopedia s. v. Am-Ha-Arez.) War der Vater aber mir unreligiös, so war die Mutter — die Tochter des Frankisten, des Freigeistes von Horzitz — antireligiös. Statt der Bibel zitierte sie Heine; Spöttereien über jüdische Sitten und Gebräuche hat der Knabe zuerst von ihr gehört. Fast muß man an gewisse Urteile über die moderne jüdische Frau in einem früheren Hefte dieser Zeitschrift denken ..... In diesem unjüdischen Judenhause wächst der Knabe auf; und auch die vom Staate geschützte „Judeiischule", in welcher das-frühreife Kind drei Jahre seines Lebens vertrödeln mußte, konnte ihm kein edleres Bild des angestammten Glaubens vermitteln. Trotzdem gab es auch in diesem Kinderleben eine — rasch verfliegende — orthodoxe Periode, 'in welcher der Knabe, ganz r&tlosi geworden, in seinem nihilistischen Elternhause alle Gebote des Rabbinismus zu halten sich bestrebte. Aus dem verirrten Judenjungen wurde dann zeitweilig ein wundersüchtiger Katholik, der in allen Kirchen Prags herumkniete; endlich ein wütender Atheist. Wie hat nun diese Erziehung ohne Judentum und ohne Judenstamm auf einen begabten Knaben gewirkt? ■ Das ist nicht nur merkwürdig, sondern auch in solchem Maße lehrreich, daß allein schon diese Beobachtung dem Buche einen zeitgeschichtlichen Weit verbürgen würde. " Schon hier zeigt sich der Vorläufer seiner Hauptbegabung. Der sprachkritisch veranlagte Kopf emp-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.