Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 6 (25.12.1918)
- Article
- Mauthner der Jude
- Date
- 1918-12-25
- Page
- Seite 136 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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134 Mauthner der Jude ' Von Bath-Hillel. Im seines Vaters Eselinnen zu suchen, zog einst Saul aus und fand — ein Königreich. Fritz Mauthner, desäen scharfer Kopf und überlegener Geist ihn zu einem der hörenswertesten Beobachter unserer Zeit macht, ging in seinen „Erinnerungen", deren erster Band kürzlich bei Georg Müller erschien, wie er selbst bekennt, von einem ganz bestimmten Zwecke aus: die Bedrückerin seiner Kinder jähre, die Schule, wollte er anklagen, richten, verdammen—ein Unternehmen, dem sich in den letzten Jahrzehnten mehr als eine Feder gewidmet hat. Was sich aber aus diesem Vorhaben ergab, stellt sich als ein farbenreiche« und bedeutsames Stück Kulturgeschichte dar. Von einer fast bedrohlichen Lebendigkeit für den Deutschen, der die von» Mauthner geschilderten Kämpfe um das Deutschtum in Böhmen heute blutig und frisch aufleben sieht; von gleich ernstlicher Bedeutung für den Juden, der die typische Entwicklung eines modernen „konfessionslosen" Juden hier mitansehen darf. Denn wenn, auch Otto Brahm — auch ein Acher jenes Geschlechts! — wie Mauthner erzählt, in Mauthners autobiographischem Jugendroman „Der junge Ahasver" das Typische vermißte — wir Heutigen erkennen dennoch nur zu deutlich in dem von Mauthner hier entworfenen Bilde s-eines Elternhauses das typische Bild eines begüterten und bildungshungrigen jüdischen Hauses aus der Zeit unserer Eltern. Man kannte bisher schon aus einer Reihe öffentlicher Urteile, die viel angegriffen würden und noch mehr Angriffe verdienten, Mauthners durchaus nihilistische' Stellung zu Juden und Judentum: nicht etwa Taufe erwog er (dies sacrificium intollectus hätte dem aufrechten Manne schlecht angestanden), aber den Austritt aus der jüdischen Gemeinschaft, als Sieg und ersten Schritt auf neuen Zukunftswegen. Nun sieht man zum ersten Male in die Ursprünge solchen Denkens hinein. „Mein Elternhaus war eigentlich konfessionslos" (S. 112). „Ich war von Abstammung Jude . . . und habe doch jüdische Religion und jüdische Sitten eigentlich niemals kennen gelernt." Schon die beiden Großväter — dies ist freilich ein nicht häufiger Zug im jüdischen Hause — hatten sich vom traditionellen Judentum so gut wie losgelöst. Der eine führte da« Leben eines Landjunkers, verkehrte mit Juden nur geschäftlich „und hauste so adelig, daß nach seinem Tode das Gut versteigert werden mußte". Der andere aber, der Vater seiner Mutter, den Mauthner selbst als steinalten Mann noch gesehen hat, war schon als Jüngling gegen Endo des 18. Jahrhunderts der Sekte der Frankisten beigetreten, war Offizier in Franks seltsamer Truppe auf dem Schlosse Offenbach am Main, wo der neue Messias Heerlager hielt, und erhielt nach dem unrühmlichen Ende der Bewegung Dokumente und das Bild der „Königin" — Franks Tochter Eva Emunah — in, Verwahrung. Durch die Erzählungen seiner Mutter angeregt, widmet Mauthner dem jüdischen Kagliostro Jakob Frank in diesem Erinnerungsbuch eine historische 'Erinnerung, die freilich über Graet*/ Angaben nicht hinausgeht, aber doch von erwachter künstlerischer Teilnahme an diesem seltsamen