Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1918-12-25 · Heft 6 (25.12.1918) · p. Seite 121

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 6 (25.12.1918)
Article
Die Wirkungen der jüdischen Wanderungen
Date
1918-12-25
Page
Seite 121 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2908689-2908735-2908740-2911525--2187-2911544
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

119 Auswanderungslandes steht, und warum die» Auswanderung des jüdischen Handelsstandes viel kleiner ist als sein Bevölkerungsanteil im Heimatlande. Die jüdischen Handwerker, wie die jüdischen Arbeiter sind auf ihren Lohn angewiesen, sie haben nur ihre Arbeitskraft, deren direkte Verwertung ihnen die einzige Existenzmöglichkeit verschafft. Der jüdische Händler — er sei noch so klein — arbeitet in einem bestimmten Vermögenskreise, eine vorübergehende Krisis des Marktes, ein Ausfall vom Verdienst in einer bestimmten Zeit, lassen sich zwar nicht leicht, aber doch sicherer ertragen, als eine Arbeitslosigkeit seitens des Arbeiters — und noch;n einem Lande, wo Sozialpolitik bis zur Revolution ungefähr ein unbekannter Begriff war. Aus diesen Darlegungen geht hervor, daß die Wirkungen der jüdischen Auswanderung, die im Osten Europas festgestellt werden können, nach unserem Schema ökonomischer, positiver und vorbeugender Natur sind. Es kommen aber dazu noch psychologische Wirkungen. Diese bestehen darin, daß die Psyche und auch das kulturelle Leben des zurückgebliebenen Volksteils durch den weiteren Verlauf der Schicksale der Ausgewanderten beeinflußt wird. Diese Wirkung kann wiederum positiver und negativer Art sein. Die jüdischen Massen im Osten halten sich strammer, verlieren nicht die Hoffnung, weil eben soundso viel der Ihren in Amerika emporgekommen oder in mehr normale Lebensverhältnisse hereingekommen sind, weil in Palästina ein jüdischer Ackerbauern tand entstand und so weiter. Die Wirkungen, die in diesem Falle durch die Auswanderung hervorgerufen werden, sind positiver Natur. Aber sie könnten auch negativer Art sein, wenn z. B. die wirtschaftliche und kulturelle Lage der jüdischen Einwanderer in Amerika und Palästina sich noch schlechter und hoffnungsloser gestalten würde, als das in den alten Auswanderungsländern der Fall ist. Das negative Ergebnis würde dann darin bestehen, daJß in dem Geistesleben des zurückgebliebenen Volksteils in den Ländern der Auswanderung eine ungeheure psychische Depression Platz greifen würde. Politische Wirkungen schließlich treten dann ein, wenn die Zusammenballung vieler jüdischer Einwanderer in den bis dahin noch ziemlich „judenreinen Ländern" eine neue, andersgeartete Judenfrage mit sich bringt. Diese Wirkung ist besonders augenfällig im Kriege eingetreten. Die Rücksichtnahme auf die zwei Millionen Juden in New York hat die amerikanische und die amerikanisch-jüdische Politik in vielen Fällen entscheidend beeinflußt. Das Vorhandensein einer beträchtlichen Anzahl von jüdischen Einwanderern in Palästina hat auf die Stellungnahme der englischen Regierung in der Judenpolitik einen starken Einfluß ausgeübt3). 3) Dieso Seite des Problems ist hier deshalb so kurz behandelt worden, weil die geschilderten Vorgänge noch zu sehr ins Getriebe der Gegenwartspolitik gehören und alles sich im Fluß befindet. Worauf es aber ankam ist die Feststellung der inneren Zusammenhänge der Geschehnisse unter dem Gesichtspunkte der Wanderungen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.